„Tiefe Wurzeln erreicht der Frost nicht“, schrieb John Ronald Reuel Tolkien in seinem berühmten Buch Der Herr der Ringe.
Das trifft zweifellos auch auf Ermedin Demirovic zu. Der 1998 in Hamburg geborene Stürmer ist Bosnien und Herzegowina, dem Herkunftsland seiner Eltern, stets eng verbunden geblieben. Seine Eltern waren Anfang der 1990er-Jahre vor dem Krieg geflohen, der die gesamte Balkanregion verwüstete.
Der starke kulturelle Einfluss seiner Familie prägte ihn entscheidend. Das multikulturelle Deutschland bietet Raum für das Aufblühen von Minderheitenkulturen. Bei dem jungen Demirovic setzte sich die bosnische Kultur durch, bei der die Familie die höchste Priorität ist. Im Alter von 15 Jahren folgte er dem Ruf der U16-Auswahl des Balkanlandes.

Nach dem Ende des Krieges war es für ihn selbstverständlich, die Sommerferien in der Heimat seiner Mutter und seines Vaters zu verbringen. Es war ein Land, in dem das Zuhause der Familie im Mittelpunkt steht – ebenso wie tägliche Opfer. Diese Arbeitsmoral, gepaart mit einem lebhaften Balkan-Temperament, half dem 1998 geborenen Mittelstürmer auf seinem Weg in den Spitzenfußball.
Demirovic erobert die Champions League im Sturm
In Deutschland hat der Mittelstürmer alle taktischen und athletischen Facetten des modernen Spiels verfeinert: die Bereitschaft zum Pressing, ständige Bewegung und Konsequenz im letzten Drittel.
Sein Hattrick bei seinem Champions-League-Debüt gegen Viking und sein anschließendes Tor gegen Slovan Bratislava haben ihn bereits an die Spitze der Torschützenliste des Wettbewerbs katapultiert. Dort liegt er gleichauf mit Erling Haaland und Nicolo Tresoldi.
Der gebürtige Hamburger hat einen unerwarteten und außergewöhnlichen Start in seine Champions-League-Saison hingelegt. Damit ist er ein Spieler, den die Gegner genau im Auge behalten müssen. Seine Form in der Bundesliga steht dazu in starkem Kontrast: In dieser Saison hat er in fünf Einsätzen erst einmal getroffen.

Europa scheint für Stuttgart allerdings ebenfalls ein fruchtbareres Pflaster zu sein. Nach zwei Spielen stehen die Schwaben mit sechs Punkten an der Spitze – genauso viele Zähler haben sie in der Liga, in der sie derzeit zusammen mit dem Hamburger SV im Mittelfeld stehen. In dessen Jugendakademie wurde Demirovic im Alter von sechs bis 16 Jahren ausgebildet.
Seine wechselhafte Karriere, die ihn auch nach Frankreich, Spanien und in die Schweiz führte, hat ihn geprägt. Das zeigt sich an seinen kontinuierlich steigenden Torzahlen. In jeder der vergangenen drei Saisons hat Demirovic zweistellig getroffen.
Rückkehr zu den Wurzeln
Mit vier Toren in dieser Champions-League-Saison – genauso vielen, wie er in 48 Einsätzen für Bosnien und Herzegowina erzielt hat – könnte Demirovic im Alter von 28 Jahren einen Wendepunkt erreicht haben.
Nach Jahren harter Arbeit scheint der in Hamburg geborene Mittelstürmer nun bereit, Stuttgart zu großen Erfolgen zu führen. Er hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der Klub den Sprung in Europas Elite geschafft hat.
Seine größte Herausforderung wird jedoch darin bestehen, im Nationalteam das große Erbe von Edin Dzeko anzutreten. In seinen letzten 15 Einsätzen für Bosnien und Herzegowina hat er trotz seiner Rolle als erster Mittelstürmer nicht getroffen.

Um seine Bundesliga-Saison wiederzubeleben, muss er an diesem Wochenende jedoch mit dem Gastspiel im Volksparkstadion beginnen. Dort träumte er schon während seiner Zeit in den HSV-Jugendmannschaften davon, aufzulaufen.
Mit 28 Jahren hat er nun eine entscheidende Phase seiner Karriere erreicht und muss beweisen, dass er vollständig gereift ist. Er muss außerdem zeigen, dass er stärker ist als seine Emotionen.
Match-Center: Hamburger SV vs. Stuttgart
