Sie wurden bei Atlético Madrid ausgebildet und gehörten zu jener Mannschaft, die 2010 durch einen Finalsieg gegen Fulham den ersten Europa-League-Titel der Vereinsgeschichte holte. Damals teilten Sie sich die Kabine mit Stars wie Diego Forlán und Sergio Agüero. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Stell dir vor, du bist ein junges Eigengewächs und darfst sofort solche Sternstunden in der ersten Mannschaft miterleben und Titel feiern. Hinzu kam, dass der Klub diese Erfolge damals für seine Transformation extrem dringend brauchte. Das sind Momente, die man sein ganzes Leben lang im Herzen trägt.
Sie standen auch in der folgenden Europa-League-Saison in mehreren Qualifikationsspielen in der Startelf – jenes Team um Radamel Falcao, das später in Bukarest gegen Athletic Bilbao triumphierte. Die Rückrunde verbrachten Sie allerdings auf Leihbasis bei Rayo Vallecano. Fühlt sich dieser Titel trotzdem auch wie Ihr eigener an?
Das ist ein zwiespältiges Gefühl. Für einen Nachwuchsspieler wie mich, der zu diesem Zeitpunkt schon zehn oder elf Jahre im Verein war, überwog natürlich die riesige Freude für den Klub. Auch wenn ich im Januar an Rayo verliehen wurde, habe ich im Sommer die Qualifikationsrunden bestritten – die fanden damals ja üblicherweise noch mitten in der Saisonvorbereitung statt. Daher bleibt eine gewisse Entfremdung, aber das Entscheidende ist: Atlético hat die Europa League geholt, und das zählt.

In jener Phase teilten Sie sich die Kabine mit zwei Ikonen, die den Weltfußball bis heute prägen: Thibaut Courtois und Trainer Diego „Cholo“ Simeone. Wie haben Sie die beiden erlebt?
Ich hatte das große Glück, bei Atlético mit herausragenden Torhütern zusammenzuarbeiten. Neben Courtois und David de Gea waren das auch Sergio Asenjo und Roberto Jiménez. Von jedem einzelnen konnte ich enorm viel lernen. Asenjo und Roberto hatten mir etwas Erfahrung voraus, De Gea ist mein Jahrgang – wir sind praktisch gemeinsam großgeworden. Courtois kam etwas später auf Leihbasis von Chelsea zu uns und war jünger als wir. Alle haben im Laufe ihrer Karriere ein absolutes Weltklasse-Niveau nachgewiesen.
Was Simeone betrifft: Meine Zeit unter ihm war relativ kurz, weil sie sich auf zwei Abschnitte verteilte – erst drei Monate vor meiner Leihe zu Rayo, dann noch einmal drei oder vier Monate vor meinem Wechsel nach England. Aber in diesen insgesamt gut sechs Monaten war vom ersten Tag an spürbar, welchen Impuls er dem Klub in dieser Umbruchphase geben würde.
Das war ein radikaler Kulturwandel von jetzt auf gleich. Und dass Simeone nun 14 oder 15 Jahre später immer noch mit derselben – wenn nicht noch größerer – Energie an der Seitenlinie steht, ist beeindruckend. Vor allem, wenn man bedenkt, wie schwer es ist, sich dauerhaft gegen Giganten wie Real Madrid und den FC Barcelona zu behaupten, die finanziell und strukturell eine Etage drüber stehen. Simeone hat aus Atlético eine Mannschaft geformt, die nie aufgibt. Das hat man erst neulich wieder im Derbysieg gesehen. Dieser Spirit trägt unverkennbar Cholos Handschrift.
Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung von Atlético Madrid in dieser Saison?
Die Erwartungshaltung ist enorm gestiegen – nicht zuletzt durch die namhaften Neuzugänge und die Transferausgaben der letzten Jahre. Die Mannschaft befindet sich in einem Prozess, in dem sie zu einem echten Titelkandidaten reifen muss. Das passiert nicht über Nacht. Ein Meisterteam braucht Zeit, die richtige Kabinen-Chemie und viele feine Nuancen. Wie viel Geduld nötig ist, hat man bei PSG gesehen: Trotz jahrelanger Investitionen dauerte es lange, bis die Struktur passte – erst mit Luis Enrique kam die nötige Stabilität.
Atlético ist auf einem ähnlichen Weg. Der Klub nähert sich seinen Maximalzielen Schritt für Schritt an: wieder in Endspiele einzuziehen, sie zu gewinnen und auf Augenhöhe mit Real und Barça zu agieren. In direkten Duellen schlägt Atlético sie regelmäßig, doch über eine gesamte Saison bleibt es eine Herkulesaufgabe. Aber die Lücke schließt sich.
Lernjahre in Vallecas
Sprechen wir über Ihre Zeit bei Rayo Vallecano. Welche Erinnerungen haben Sie an Vallecas, wie beurteilen Sie den Aufstieg des Klubs bis in den Europapokal – und wie blicken Sie auf die Unruhen im Verein?
Rayo hat sich im Grunde seit den Zeiten der Ruiz-Mateos-Familie kaum verändert. Der Klub wandelt ständig zwischen sportlichen Sternstunden und tiefen Krisen – die aktuelle Situation ist dafür das beste Beispiel. Ich persönlich war dort extrem glücklich und bin Rayo bis heute dankbar, dass ich als junger Atlético-Leihspieler in der Primera División Spielpraxis sammeln durfte. Ich werde daher immer nur Positives über den Verein sagen.
Umso mehr schmerzt es, was dort aktuell passiert. In einer Profiliga wie der unseren gibt es Zustände, die eigentlich nicht akzeptabel sind. Allerdings muss die Rettung von innen kommen. Von außen wirkt vieles dramatischer, als es intern vielleicht ist. Die Beteiligten – Mannschaft wie Vereinsmitarbeiter – müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass Rayo wieder in ruhigeres Fahrwasser gerät und Peinlichkeiten wie Stadionsperren oder Ausweichspiele in Butarque der Vergangenheit angehören.
Was die Mannschaft sportlich über Jahre hinweg leistet, verdient allerhöchsten Respekt. Sie haben enorme Qualität bewiesen, standen damals gegen uns im Pokal-Halbfinale, als ich bei Betis spielte, und schafften vergangene Saison sogar den Einzug ins Conference-League-Finale. Unter diesen Rahmenbedingungen ist das eine fantastische Leistung. Diese Spieler haben sich ein Denkmal gesetzt.
Betis und der unvergessliche Pokalsieg
Wenn Sie an Ihre Zeit bei Real Betis zurückdenken: Wie emotional war der Gewinn der Copa del Rey im grün-weißen Trikot von Sevilla?
Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Für mich war das der absolut schönste Moment meiner gesamten Laufbahn. Mein Vertrag lief aus, ich hatte vier wunderbare Jahre in Sevilla verbracht – mit Höhen und Tiefen. Diesen Pokal zum Abschied hochzustemmen, war das großartigste Geschenk, das mir der Fußball machen konnte.
Und dann noch mitten in Sevilla, im La Cartuja vor unseren eigenen Fans! Die Dramaturgie mit dem Elfmeterschießen, Legende Joaquín mittendrin und dem entscheidenden Tor durch Jugendspieler Juan Miranda – das war wie vom Schicksal geschrieben. Eine Erinnerung für die Ewigkeit.
Inzwischen hat sich Betis weiterentwickelt, schlägt Real Madrid und spielt in der Champions League…
Der Klub wächst gesund. Das ist der Verdienst der Klubführung um Präsident und Sportdirektor, die seit fünf, sechs Jahren exzellente Arbeit leistet.
Sind Sie für die laufende Saison entsprechend optimistisch gestimmt?
Der Start war stark, aber die Saison ist extrem lang. Die Belastung in der Champions League ist immens, wenn man Woche für Woche gegen Kaliber wie Dortmund, Bayern München oder Arsenal ran muss. Das kostet Körner. Aber der Kader ist breit und qualitativ hochwertig genug aufgestellt, um auf drei Hochzeiten zu tanzen.
Den Pokal darf man nie abschreiben, und wie Manuel Pellegrini immer betont: Die Liga ist das tägliche Brot. Der Anspruch in Sevilla muss mittlerweile sein, sich jedes Jahr für das internationale Geschäft zu qualifizieren.
Welche Rolle spielt Manuel Pellegrini für diesen Aufschwung?
Stabilität. Stabilität und verlässliche Ergebnisse – viel mehr muss man gar nicht sagen. Kaum ein Trainer hat in der Geschichte von Betis einen vergleichbaren Fußabdruck hinterlassen. Er übernahm den Verein in einer finanziell wie sportlich angespannten Lage. Durch die regelmäßige Qualifikation für Europa brachte er wirtschaftliche Planungssicherheit. Dadurch konnten Leistungsträger gehalten und ein Kader geformt werden, der nun Champions-League-Niveau besitzt. Zudem hat er die Euphorie in der Stadt neu entfacht. Pellegrini ist der Architekt dieses Erfolgs.
Wie war es, mit einer Kultfigur wie Joaquín in einer Kabine zu stehen?
Genauso, wie man ihn aus den Medien kennt: ein unfassbar lustiger Mensch. Aber man darf dabei nie vergessen, was für ein genialer Fußballer er war. Selbst mit 40 Jahren hat er im Training noch die Mitspieler ausgetanzt. Er besaß eine unlaubliche Grundklasse und einen unbändigen Ehrgeiz – Verlieren im Trainingsspiel hat er gehasst wie am ersten Tag. Er wollte immer spielen.
Zwar hat er seine Rolle im Alter professionell akzeptiert, aber der Hunger war derselbe wie mit 25. Joaquín war eine integrative Schlüsselfigur, die im Verein Dinge anstoßen und bewegen konnte. Nun dient er Betis in neuer Funktion, und wegen seiner Vereinsliebe wird er auch dort erfolgreich sein.
Sein Humor hat manchmal vielleicht etwas überdeckt, wie hart er an seiner Fitness gearbeitet hat, um bis über 40 auf Top-Niveau zu spielen.
Das lag sicherlich auch an seiner Ära. Zu seiner Blütezeit – als Mourinho ihn etwa zu Chelsea holen wollte – gab es noch keine Social-Media-Dauerbeschallung wie heute. Das Bild in den Medien war ein anderes. Trotzdem weiß jeder, der etwas von Fußball versteht, was für ein Ausnahmespieler er war.
Er hat vielleicht nicht die Champions League gewonnen, weil er Vereinen wie Valencia, Betis, der Fiorentina oder Pellegrinis Málaga die Treue hielt, anstatt zum absoluten Spitzenklub zu wechseln. Aber wer ihn einmal live an der Außenlinie erlebt hat, vergisst das nicht mehr.
Historischer Meilenstein in England
In England waren Sie Teil einer der größten Sensationen des modernen Fußballs: Dem FA-Cup-Sieg von Wigan Athletic im Jahr 2013. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Wunder?
Diesen Moment verdanke ich Roberto Martínez. Er hat mir damals die Tür zur Premier League geöffnet. Wigan war meine erste Station im Ausland. Dass wir am Ende der Saison abstiegen, war tragisch, aber der Pokalsieg war ein historischer Meilenstein.
Möglicherweise wird Wigan nie wieder einen großen Titel holen – im Fußball weiß man zwar nie, aber Realismus gehört dazu. Wir haben im Finale das hochfavorisierte Manchester City mit Starspielern wie Sergio Agüero und Carlos Tévez bezwungen. Dieser Triumph eines Außenseiters steht für immer in den Geschichtsbüchern und in den Herzen der Fans.

Wie erklärt man sich das Phänomen, dass ein Team im Pokal Großtaten vollbringt, während es in der Liga tief im Abstiegssumpf steckt?
Bei uns wurde der Tabellenkeller von Woche zu Woche bedrohlicher, während wir uns im FA Cup in einen Rausch spielten. Wir hatten im Viertelfinale Everton auswärts mit 3:0 abgefertigt, bekamen dann im Halbfinale mit Millwall einen Zweitligisten zugelost. Natürlich gehört auch Losglück dazu – Millwall im Wembley ist etwas anderes als Manchester United, die im anderen Halbfinale standen. Es fühlte sich an, als ob die Sterne für uns günstig standen.
Die Gefühlswelt damals war allerdings völlig surreal: Am Samstag holst du im Wembley gegen ManCity den Pokal, und schon am Dienstag musst du im Emirates Stadium gegen Arsenal antreten, um das Wunder vom Klassenerhalt zu schaffen. Arsenal kämpfte um die Champions League, wir waren stehend k.o. Wir verloren und stiegen ab.
Innerhalb von 72 Stunden vom größten Triumpf der Vereinsgeschichte in die Tränen des Abstiegs geschleudert zu werden – das vergisst man nie. Der Abstieg bleibt ein Schmerzpunkt in meiner Karriere, aber der Pokalsieg überstrahlt alles.
Anschließend folgten Sie Roberto Martínez zum FC Everton, wo Sie zum Stammkeeper reiften. Wie war Ihre Zeit im blauen Teil Liverpools?
Ich habe Everton geliebt. Als Roberto dort unterschrieb, rief er mich sofort an. Ich hatte noch ein Jahr Vertrag bei Atlético, und Everton kaufte mich frei. Die Anfangszeit war hart, weil ich Legende Tim Howard vor mir hatte, der damals auf seinem Zenit spielte. Ich musste mich gedulden, hart trainieren und auf meine Chance warten.
Als sie kam, habe ich sie genutzt. Später unter Ronald Koeman musste ich wieder von vorne anfangen. In meinem fünften und letzten Vertragsjahr bot man mir zwar eine Verlängerung an, aber ich spürte, dass ich eine neue Herausforderung brauchte – so entstand der Wechsel zu Betis.

Wie erlebten Sie die Situation, als Koeman übernahm und Sie zunächst auf die Ersatzbank setzte?
Ronald Koeman hatte eine hervorragende Eigenschaft: Er war knallhart ehrlich. Kein Drumherumreden. Schon in der zweiten Trainingswoche zitierte er mich ins Büro und sagte ganz direkt: "Du bist meine Nummer zwei, ich setze auf Maarten Stekelenburg." Stekelenburg war ein erfahrener Keeper – der Mann, dem Iniesta 2010 das WM-Finaltor eingeschenkt hatte.
Ich habe Koeman offen meine Meinung gesagt, die Rolle akzeptiert und mich über Leistung wieder reingekämpft, sodass ich in jener Saison noch sehr viele Spiele absolvierte. Vor meinem letzten Jahr kündigte er mir fair an, dass der Klub eine neue Nummer eins holen werde. So kam Jordan Pickford aus Sunderland. Ich blieb als Profi bis zum Saisonende fokussiert, ehe sich unsere Wege trennten.
Ihre vorerst letzte Station in England war Leeds United. Wie haben Sie Ihre Rolle als erfahrener Führungsspieler im Team wahrgenommen?
Ich wusste genau, worauf ich mich einlasse. Mit Marc Roca, Junior Firpo, Diego Llorente und Rodrigo Moreno waren viele Spanier im Kader, was die Eingewöhnung extrem erleichterte. Die Premier League kannte ich ohnehin in- und auswendig. Sportdirektor Víctor Orta und Torwarttrainer Marcos Abad sagten mir von Tag eins an, was sie von mir erwarteten: Ich sollte mit meiner Erfahrung den jungen Illan Meslier unterstützen, der damals ein herausragendes Niveau zeigte, und da sein, wenn man mich braucht.
Über Trainingsleistung erarbeitete ich mir im Saisonendspurt schließlich den Platz im Tor. Leider reichte es im Abstiegskampf nicht ganz – die letzten zehn Spiele liefen komplett gegen uns.

Roberto Martínez als Schlüsselfigur
Welchen Stellenwert nimmt Roberto Martínez in Ihrer Laufbahn ein?
Er hat meine Karriere entscheidend geprägt und mir die Tür zum englischen Fußball geöffnet. Wir stehen bis heute im engen Austausch. Als ich jetzt nach Portugal wechselte, war er bereits Nationaltrainer hier. Für mich ist er ein absoluter Fachmann, der früher oder später wieder bei einem europäischen Topklub landen wird.
Zuletzt hat er sich zwar auf Nationalteams fokussiert – mit Belgien und nun mit Portugal, wo er bereits die Nations League gegen Spanien gewonnen hat –, aber seine Qualitäten als Vereinscoach stehen außer Frage.
War sein Potenzial für die ganz große Bühne damals schon greifbar?
Schon beim Wechsel von Wigan zu Everton genoss er in England enormes Ansehen. Roberto besitzt eine ausgeprägte Siegermentalität. Er ist taktisch extrem gewieft, überlässt nichts dem Zufall und strahlt eine enorm positive Energie aus. Er bringt alles mit, um im Spitzenfußball dauerhaft erfolgreich zu sein.

Sie stehen also weiterhin persönlich in Kontakt?
Ja, absolut. Als er mit der portugiesischen Seleção in der Nähe war, habe ich ihn im Quartier besucht.
Und dann werden sicherlich Erinnerungen an 2013 ausgetauscht?
Jedes Mal! Dieser Pokalsieg mit Wigan schweißt fürs Leben zusammen. Wir wissen beide, wie unwahrscheinlich diese Sensation damals war.
Neues Abenteuer bei Estoril Praia
Kommen wir zur Gegenwart in Portugal: Wie bewerten Sie den bisher zähen Saisonstart von Estoril?
Als mir unser spanischer Klubpräsident Ignacio das Projekt schilderte, war ich sofort angetan von der Ambition des Vereins. Derzeit durchlaufen wir eine Ergebniskrise, und die jüngste Niederlage hat wehgetan. Die dreiwöchige Spielpause kommt uns nun wie gerufen: Wir können durchatmen, taktische Stellschrauben drehen und gestärkt in den nächsten Block gehen.

Wie schätzen Sie das Niveau der Liga Portugal ein? Wird sie international manchmal etwas unter Wert verkauft?
Ich habe im Laufe meiner Karriere in unterschiedlichsten Ligen gespielt – von der 2. Liga in Saudi-Arabien über die Premier League bis zur La Liga. Wenn ich eines gelernt habe: Einfachen Fußball gibt es nirgendwo. Die Liga Portugal mag im internationalen Ranking nicht auf einer Stufe mit der Premier League oder La Liga stehen, aber die sportliche Intensität ist enorm hoch.
Selbst Teamkollegen, die aus der kroatischen Liga zu uns gestoßen sind, zeigen sich überrascht vom Niveau. Das Marketing hinkt der tatsächlichen Qualität vielleicht etwas hinterher. Allerdings ist das Gefälle innerhalb der Liga eklatant: Die Kluft zwischen den "Três Grandes" – Sporting, Benfica und Porto – sowie mit Abstrichen Braga zum Rest der Liga ist riesig. Dahinter kämpft der Großteil der Liga primär gegen den Abstieg oder um die Plätze fünf bis sieben.
Wir befinden uns im Umbruch. Nach zwei stabilen Jahren unter demselben Trainer (Platz 8 und Platz 10) haben wir nun einen neuen Coach und viele neue Gesichter. Der Start war holprig, aber das Potenzial ist da.
Der Trainerwechsel von Ian Cathro zu Vasco Matos – was unterscheidet die beiden Ansätze?
Zwei völlig unterschiedliche Philosophien, die beide ihre Berechtigung haben. Ian Cathro setzte auf maximale Offensive und spielerische Freiheit. Das führte zu spektakulären, wilden Partien mit Ergebnissen wie 4:3 – wir haben extrem viele Tore geschossen, aber eben auch genauso viele kassiert.
Vasco Matos schlägt einen ganz anderen Ton an: Seine Herangehensweise ist extrem analytisch, er verlangt ein kompaktes, defensiv aggressives Auftreten. Seine erste Ansage lautete: "Wir müssen die Hütte hinten dichtbekommen." Wir sind dabei, seine Prinzipien zu verinnerlichen, und ich bin überzeugt, dass wir bald wieder stabile Ergebnisse einfahren.

Was treibt einen 36-jährigen Routinier an, sich nach all den Erfolgen noch einmal in Portugal zu beweisen?
Ganz einfach: Die pure Liebe zum Spiel. Ich stehe jeden Morgen mit derselben Leidenschaft auf dem Trainingsplatz wie vor 15 Jahren. Ich liebe das Kribbeln vor den Matches, den Konkurrenzkampf und das Gefühl nach Siegen. Fehler wurmen mich nach wie vor maßlos.
Ich sehe mich als Torwart noch lange nicht am Ende meiner Entwicklung. Mental hält mich das frisch. Und körperlich muss man ohnehin topfit sein – meine Torwartkollegen im Kader könnten schließlich vom Alter her meine Söhne sein (lacht). Wenn du da schlappmachst, bist du deinen Platz schnell los.
Was hat Sie am portugiesischen Fußball bisher am meisten überrascht?
Die enorme individuelle Dichte an hochveranlagten Spielern – selbst bei kleineren Klubs, die international kaum jemand auf dem Schirm hat. Vereine wie Casa Pia oder eben Estoril kennt außerhalb Portugals kaum ein Gelegenheitsfan. Aber hier wimmelt es von hochtalentierten Akteuren. Deshalb ist die Liga auch das perfekte Sprungbrett für junge Talente, die später für zweistellige Millionenbeträge weiterverkauft werden.
Estoril hat sieben Spanier im Kader, überhaupt setzt die Liga vermehrt auf Akteure aus dem Nachbarland. Woran liegt das?
Spanische Fußballer genießen weltweit ein hohes Ansehen. In Spanien selbst muss man oft extra viel leisten, um gewürdigt zu werden, aber im Ausland schätzt man unsere Ausbildung enorm. In Portugal kommt die geografische und kulturelle Nähe hinzu. Für junge spanische Spieler ist die Liga Portugal die ideale Plattform, um im Profifußball Fuß zu fassen.
Mit Ihnen, Fran Vieites, Rebollo und Juan Soriano stehen einige spanische Torhüter in Portugal unter Vertrag. Welche Qualitäten suchen die Klubs speziell auf dieser Position?
Das deckt sich mit dem Feldspieler-Profil: Spanien besitzt eine herausragende Torwart-Schule. Schauen Sie sich die Trainer an – neulich standen sich zwei spanische Coaches im Champions-League-Finale gegenüber! Das moderne Torwartspiel verlangt heute weit mehr als nur Bälle auf der Linie zu halten. Wir müssen vollwertige Feldspieler sein, die den Spielaufbau von hinten heraus unter Druck initiieren. Das Profil hat sich in den letzten zehn Jahren komplett gedreht.
Liegt die Stärke der spanischen Keeper im Fußspiel in der frühkindlichen Ausbildung begründet?
Absolut. Das wird von klein auf eingedrillt. Schauen Sie sich Unai Simón an: Bei Athletic Bilbao wird traditionell eher robuster, direkter Fußball mit vielen zweiten Bällen gespielt. Wenn er aber im Trikot der Nationalmannschaft aufläuft, spielt er flach, sucht mutig den freien Mann im Zentrum und initiiert das Ballbesitzspiel gegen Kaliber wie England. Diese Vielseitigkeit zeichnet die neue Generation aus.
Was bedeutet es für Sie persönlich, in den Traditionstempeln von Porto, Benfica oder Sporting aufzulaufen?
Trotz der enormen sportlichen Hürde sind das absolute Feiertage. Das Estádio da Luz, das Alvalade oder das Estádio do Dragão sind Monumente des europäischen Fußballs mit einer mitreißenden Atmosphäre. Sportlich ist es brutal schwer: Wir haben vor ein paar Wochen bei Benfica gespielt – Estoril hatte dort seit 75 Jahren nicht mehr gewonnen!
Das sagt alles über die Dimensionen dieser Aufgaben. Aber wir gehen in jedes Spiel mit dem Glauben, für eine Überraschung sorgen zu können. Im Fußball ist schließlich nichts unmöglich.
