Ein halbes Jahrhundert ist das nun her. Im Finale am 31. Juli 1976 im Olympiastadion von Montreal besiegte die DDR die favorisierten Polen um Torjäger Grzegorz Lato 3:1. Hartmut Schade, Martin Hoffmann und Reinhard Häfner erzielten vor über 70.000 Zuschauern die Tore für die Mannschaft von Trainer Georg Buschner. Da jubelte auch Ewald mit, der nach dem torlosen Unentschieden gegen die brasilianischen Ballkünstler noch von einer "Katastrophe" gesprochen hatte. "Daran erkennt man, dass er vom Fußball entweder keine Ahnung hatte oder kein Verständnis dafür", sagt der heute 74-jährige Kische.
Die DDR-Fußballer verwandelten Ewalds Anpfiff in Ansporn. Es folgten Siege gegen Spanien und Frankreich um den späteren Ballon-d'Or-Gewinner Michel Platini. Im Halbfinale schaltete die Mannschaft das sozialistische Bruderland Sowjetunion aus, ehe im Endspiel die goldene Krönung gelang.
Einziger deutscher Olympiasieg im Herrenfußball
Eine Überraschung? Nicht für Kische, der damals für Hansa Rostock spielte. "Das klingt vielleicht überheblich, aber die Mannschaften, die dort waren, hatten wir vorher alle schon einmal besiegt", sagt Kische. "Brasilien war ein Fragezeichen. Wenn man sich die damalige Mannschaft anschaut, waren das später alles Nationalspieler. Insofern war das Ziel schon, ins Endspiel zu kommen – und vielleicht auch zu gewinnen."
Bis heute ist es der einzige Olympiasieg einer deutschen Männermannschaft. Das sei "etwas Besonderes" gewesen, so Kische. "Man muss so eine Goldmedaille erst einmal gewinnen, das ist ja keine Laufkundschaft gewesen."
Dass die DDR-Auswahl auf höchstem Niveau mithalten konnte, hatte sie zwei Jahre zuvor bewiesen. Bei der Weltmeisterschaft 1974 gewann sie - mit Defensivspieler Kische - das prestigeträchtige Vorrundenspiel gegen die favorisierte Bundesrepublik mit 1:0 und zog als Gruppensieger in die zweite Runde ein. "Für uns DDR-Fußballer war wichtig zu zeigen, dass wir auch Fußball spielen können", sagt Kische. "Wenn man gelesen hat, was in den Medien verbreitet wurde, dann hätten sie eigentlich 10:0 gewinnen müssen. Das hat uns zusätzlich angespornt zu zeigen: So läuft das mit uns nicht."
Mit dem Olympiasieg zwei Jahre später folgte der größte Erfolg des DDR-Fußballs. Die Spiele in Montreal seien "eine sehr angenehme Erfahrung" gewesen. Trotzdem denkt Kische selten an diese Zeit zurück. "Bei mir steht ja nicht 'Olympiasieger Kische' an der Haustür", sagt er lachend. Auch Erinnerungsstücke spielen für ihn kaum eine Rolle. "Nur die Medaille habe ich noch. Ich habe sie meiner Tochter geschenkt, sie ist also in guten Händen."
