Während der Klub alle Vorwürfe weiterhin entschieden zurückweist und Berufung einlegen will, drohen den "Cityzens" nun Konsequenzen von beispiellosem Ausmaß.
Was Manchester City zur Last gelegt wird
Die Anschuldigungen der Premier League umfassen einen Zeitraum von neun Jahren – konkret zwischen den Saisons 2009/10 und 2017/18. Die Anklagepunkte teilen sich im Wesentlichen in folgende Komplexe auf:
Künstlich aufgeblähte Sponsoringeinnahmen: City wird beschuldigt, den Wert von Sponsorenverträgen mit Unternehmen aus Abu Dhabi, die direkte Verbindungen zum Eigentümer des Klubs aufweisen, künstlich erhöht zu haben, um eigene Einnahmen vorzutäuschen.
Verdeckte Gehalts- und Vertragskosten: Der Klub soll die tatsächlichen Gehälter von Spielern und Trainern verschleiert haben. So bilden etwa Zahlungen abseits der offiziellen Buchhaltung rund um die Amtszeit des ehemaligen Managers Roberto Mancini einen zentralen Bestandteil der Vorwürfe.
Falsche Finanzinformationen & Verstoß gegen FFP-Regeln: Es wird vorgeworfen, der Premier League sowie der UEFA keine akkuraten Finanzdaten übermittelt zu haben.
Mangelnde Kooperation: Ein erheblicher Teil der Vorwürfe betrifft die Weigerung von Manchester City, bei den mehrjährigen Ermittlungen der Premier League vollumfänglich zu kooperieren.
Manchester City betonte stets seine Unschuld. Bereits bei der Veröffentlichung der Anklagen im Februar 2023 zeigte sich der Klub "überrascht" und berief sich auf eine "umfassende Masse unwiderlegbarer Beweise". Nach den jüngsten Berichten bekräftigte Klubchef Khaldoon Al Mubarak in einem Brief an die Fans die Entschlossenheit des Vereins, seine Unschuld im weiteren Verfahren zu beweisen.
Erfolgreichstes Jahrzehnt der Vereinsgeschichte
Die Brisanz des Falles ergibt sich vor allem aus dem Kontrast zwischen den juristischen Vorwürfen und dem sportlichen Erbe des Klubs. Vor der Übernahme durch die Abu Dhabi United Group um Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan im Jahr 2008 blickte City in seiner 128-jährigen Geschichte auf lediglich zwei Meisterschaften und neun Trophäen insgesamt zurück. Ende der 1990er Jahre war der Klub sogar bis in die dritte Liga abgerutscht.
Mit den Investitionen aus dem Nahen Osten wandelte sich der Verein rasant zu einer globalen Supermacht. Nach ersten Transfers von Stars wie Robinho (2008) und Carlos Tévez (2009) bildeten später Spieler wie Yaya Touré, David Silva und Sergio Agüero das Fundament. Unvergessen bleibt Agüeros Treffer in der 94. Minute am letzten Spieltag der Saison 2011/12 gegen QPR, der City die erste Meisterschaft nach 44 Jahren sicherte.

2016 läutete die Verpflichtung von Pep Guardiola eine Phase der Dominanz ein. Von 2017/18 bis 2023/24 gewann City sechs von sieben Premier-League-Titeln, darunter vier Meisterschaften in Folge – ein historischer Rekord.
Im Jahr 2023 krönte City seine Ära mit dem Gewinn der Champions League und zog mit dem Lokalrivalen Manchester United gleich, indem der Klub Champions League, Premier League und FA Cup in einer einzigen Saison gewann. Zuletzt führte City 2022 erstmals die Deloitte Money League als umsatzstärkster Klub der Welt an.
Insgesamt errang City seit der Übernahme acht Premier-League-Titel, vier FA Cups, sieben League Cups und die Champions-League-Trophäe. Doch der Verdacht, dass diese Erfolge auf Finanzvergehen basieren, wirft nun einen großen Schatten über die Ära.
Aberkennung von Titeln und Klagewelle?
Welche Strafen drohen Manchester City, sollte das Urteil nach dem Berufungsverfahren bestand haben? Das Spektrum der potenziellen Sanktionen ist breit: Regeltechnisch hat die unabhängige Kommission das Recht, jede Strafe zu verhängen, die sie für angemessen hält. Das schließt ein nachträgliches Aberkennen von Titeln theoretisch ausdrücklick ein.
Sollten die Titel der betroffenen Spielzeiten (2009 bis 2018) nachträglich aberkannt und den Zweitplatzierten zugesprochen werden, könnte Manchester United zwei weitere Premier-League-Titel (aus den Jahren 2012 und 2018) erben. Liverpool würde die Meisterschaft von 2014 erhalten. Auch Arsenal, Inter Mailand oder sogar die heutigen Zweitligisten Stoke City und FC Watford könnten potenzielle Nutznießer sein.
Laut Berichten der BBC gibt es innerhalb der Premier League und unter den Klubs jedoch wenig Neigung, vergangene Titel nachträglich abzuerkennen. Die Liga präferiert Sanktionen, die die Zukunft betreffen, da dies juristisch als wesentlich sicherer gilt.
Als wahrscheinlichere Strafen gelten demnach massive Punktabzüge, sehr hohe Geldstrafen oder im extremsten Fall der Rauswurf aus der Premier League. Sollte ein Ausschluss aus dem Profiligen-System (EFL) erfolgen, müsste sogar die unterklassige National League entscheiden, ob sie den Verein aufnimmt.
Eine Urteilsbestätigung könnte eine Lawine von Zivilklagen anderer englischer Vereine auslösen: Der ehemalige Vorstandsfunktionär Christian Purslow (u.a. Liverpool und Chelsea) warnte, dass rivalisierende Klubs durch Citys Regelverstöße massive finanzielle Schäden erlitten haben. Jede Platzierung in der Tabelle ist Millionen wert; Vereine, die die Champions League knapp verpassten oder abstiegen, verloren womöglich zweistellige Millionenbeträge.
Berichten zufolge prüfen Klubs wie Manchester United bereits rechtliche Schritte, um Schadensersatz für verpasste Titel und entgangene Champions-League-Einnahmen einzufordern. Purslow warnte vor einer jahrelangen Klagewelle, die den englischen Fußball im Chaos versinken lassen könnte.
Ehemalige Akteure und Experten wie Roy Keane und Ian Wright sparten nicht mit harten Worten und warfen dem Klub Betrug vor, der Konkurrenten um historische Momente gebracht habe. TV-Kommentatorenlegende Richard Keys forderte gar eine öffentliche Entschuldigung von Manchester City bei ganz Fußball-England.
Der Berufungsprozess wird Zeit in Anspruch nehmen, da es keinen festgelegten Zeitrahmen gibt. Der frühere City-Vorsitzende David Bernstein betonte, wie entscheidend eine zügige Abwicklung sei, damit der Klub nicht jahrelang unter dieser Ungewissheit spielen müsse. Ob die Einträge von Manchester City in den Rekordbüchern bestehen bleiben oder umschrieben werden müssen, liegt nun in den Händen der Gerichte.
