"Das ist ein Schlag ins Gesicht", bekannte der Bundestrainer nach dem historischen 0:1 (0:0) gegen biedere Griechen, "aber dass Jürgen Klopp nicht mit Handauflegen alle Probleme löst - ich wusste das vorher. Falls jemand es nicht wusste, weiß er es jetzt." Für alle anderen war die erste Niederlage gegen Griechenland überhaupt ein brutaler Weckruf, die zarte Euphorie des Aufbruchs ist schnell verflogen.
Zum Match-Center: Deutschland vs. Griechenland
Klopp aber denkt nicht in derartigen Kategorien. "Ich bin nicht ernüchtert, dafür habe ich im Fußball viel zu viel gesehen", behauptete der 59-Jährige. Ob in Mainz, Dortmund oder Liverpool - überall hat der Bessermacher Teams am Boden übernommen und sie zu ungeahnten Höhen geführt. Trotz teils guten Ansätzen bei seinem Debüt in den Niederlanden (1:1) und am Sonntagabend braucht es viel Fantasie, um eine ähnliche Wende bei der tief gefallenen DFB-Auswahl zu imaginieren.
DFB-Elf stellt sich die Qualitätsfrage
"Es gibt für mich keinen Grund, in Depressionen zu verfallen", behauptete Klopp, doch auch der unerschütterliche Optimist musste bekennen: "Wir sind auch noch nicht dort, wo wir gerne wären." Der Status Quo in der Nations League vor dem dritten Spiel am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF und Flashscore-Audioreportage) in München gegen Serbien mit 17 frischen Kräften heißt Abstiegskampf statt Viertelfinal-Traum. Von höheren Ansprüchen, das machte Klopp klar, muss sich diese Mannschaft ohnehin erst einmal verabschieden.
Wurde in den Jahren nach dem WM-Desaster 2022 noch das Trugbild gemalt, Weltmeister Argentinien sei "auch nicht besser als wir" (Rudi Völler), stellte Klopp bei seinem Vergleich mit Champion Spanien fest: Deutschland müsse aufhören damit, "besser sein zu wollen als irgendjemand da draußen im Weltfußball".
Richtig so, sagte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger. "Wir sind keine Topmannschaft mehr, wir sind im Mittelmaß angekommen", erklärte der Rio-Weltmeister: "Wir haben nicht mehr diese Spieler, die den Unterschied machen." Kapitän Joshua Kimmich, der das Camp mit 14 anderen Spielern schweren Herzens verlassen hat, konnte nur "schwer widersprechen. Wir sind ein gutes Stück davon entfernt, eine Top-Mannschaft zu sein."
Wo sind die Säulen, an denen sich die vielen Neulinge anlehnen können? Bis auf Abwehrchef Jonathan Tah und den sehr engagierten, aber längst nicht fehlerfreien "Quarterback" Kimmich sucht man sie vergeblich. Auch Klopps 4-3-3 kann die klaffenden Mittelfeld-Lücken bislang nicht schließen.
Klopp: "Wer pfeifen will, soll mich auspfeifen"
Die Struktur und defensive Stabilität mit dem Lichtblick Yann Aurel Bisseck schienen zunächst verbessert, dann zeigte sich die alte Anfälligkeit bei Umschaltmomenten. Kreativität in der Offensive, in der zwei von vier Startspielern (Younes Ebnoutalib und Bambasé Conté) letztes Jahr noch 2. Liga in Elversberg spielten, war kaum vorhanden. Dazu kam eine schwache Box-Besetzung und folglich fehlende Durchschlagskraft gegen den massiven Griechen-Block.
"Wir werden noch besser werden", versprach Kimmich. Doch wie tief das Misstrauen der vielfach enttäuschten Fans sitzt, wurde Klopp nach dem Schlusspfiff klar. Die vereinzelten Pfiffe missfielen ihm sehr, "vielleicht hat jemand laut ausgeatmet oder hatte Asthma", witzelte er sarkastisch und betonte: "Wer pfeifen will, soll mich auspfeifen."
Angriffsfläche bietet sein XXL-Experiment genug. 23 Spieler hat Klopp eingesetzt, alle aus "Kader eins" außer Torwart Finn Dahmen und Max Rosenfelder. Vier Debütanten liefen bereits auf, neun mögliche weitere stehen bereit. "Die Zukunft ist so, wie wir sie uns vorstellen. Wir gehen mit allem, was wir haben, ran", sagte Klopp unbeirrt: "Wir werden den Weg weitergehen."
