Nach Stimmungsdämpfer gegen Ecuador: DFB-Trainer Nagelsmann grübelt und tüftelt

Julian Nagelsmann wollte die Niederlage gegen Ecuador nicht überbewerten.
Julian Nagelsmann wollte die Niederlage gegen Ecuador nicht überbewerten.REUTERS/Dylan Martinez

Julian Nagelsmann öffnete trotz des herben Stimmungsdämpfers wie geplant die Hotelpforten für die Spieler-Familien - er selbst zog sich grübelnd ins stille Kämmerlein zurück. Seine Mängelliste vor dem Start in die heiße K.o.-Phase ist schließlich länger als nach dem furiosen WM-Auftakt angenommen, zudem muss er mit seinem Trainerteam akribisch das Sechzehntelfinale vorbereiten. Zu 99 Prozent, da sind sich die Statistikfreaks einig, geht es gegen Paraguay.

Die Fehler dürfen sich jedenfalls nicht wiederholen. "Es ist wichtig, daraus die Lehren zu ziehen", sagte Nagelsmann, der "Harakiri" und zu "viel Freestyle" beklagte, nach dem ernüchternden 1:2 (1:1) gegen Ecuador. Nach dem Spielersatztraining im Sonnenschein war der Bundestrainer auch als Psychologe gefragt, damit seine Mannschaft am Montag (22.30 Uhr/ZDF,  MagentaTV und Flashscore-Audioreportage) in Foxborough "mit dem nötigen Selbstvertrauen aufdribbeln" kann.

Doch zunächst stand neben der Regeneration in der Nobel-Herberge The Graylyn Estate die Aufarbeitung des jähen Endes der stolzen Siegesserie (elf Erfolge) ganz oben auf dem Programm. Schon nach dem Abpfiff im Finalstadion in East Rutherford musste sich der Bundestrainer unangenehmen Fragen stellen.

Undav sieht Ecuador "ekliger"

Wollte Ecuador den Sieg mehr? Warum tut sich die DFB-Auswahl gegen robuste Gegner schwer? Trifft Rückkehrer Manuel Neuer die Schuld am zweiten Gegentor? Muss Kapitän Joshua Kimmich zurück in den Maschinenraum? Wann kommen die Zauberfüße Florian Wirtz und Jamal Musiala endlich in Schwung?

Die Antworten waren verblüffend und standen teils im Widerspruch zu seinen Spielern. Während der diesmal wirkungslose Super-Joker Deniz Undav die Südamerikaner als "griffiger" und "ekliger" bezeichnete und forderte, dass man sich "mehr wehren" müsse, wies Nagelsmann den Vorwurf als "zu plakativ" zurück. Er könne keinem seiner Spieler sagen, "dass er nicht Gas gegeben hat".

Wie schon gegen die Elfenbeinküste (2:1) war das DFB-Team dem Gegner aber in vielen Zweikämpfen unterlegen. "Körperlichkeit ist schwer zu trainieren", stellte Nagelsmann fest. Man müsse daher "den Ball früher spielen, um dem Zweikampf aus dem Weg zu gehen". Denn auch bis zum Sechzehntelfinale "werden wir uns nichts auftrainieren können im Oberkörperbereich".

In der Zentrale enttäuschte der in den ersten beiden Turnierspielen so starke Felix Nmecha ebenso wie Aleksandar Pavlovic, der überhaupt noch nicht in Schwung kommt. Nagelsmann fand zwar, dass es das Duo "gut gemacht" habe, doch die Forderung nach einer Rückversetzung von Kimmich kam schnell auf. "Ich sehe Joshua nicht auf dem Platz, wie ich ihn seit Jahren kenne. Er bemüht sich, aber er ist nicht da, wo er sein soll", sagte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus. Derzeit sei eine erneute Positionskorrektur "nicht geplant", entgegnete Nagelsmann.

Kimmich will Ballverluste abstellen

WM-Rekordtorhüter Neuer nahm der Bundestrainer in Schutz, obwohl der 40-Jährige beim Treffer von Gonzalo Plata (78.) zu zögerlich agiert hatte. "Der Ball wird am kurzen Pfosten verlängert, der Spieler kommt dann aus seinem Rücken. Das war eine undankbare Situation, das müssen wir anders verteidigen", sagte Nagelsmann. Auch Neuer wiegelte ab: "Ich muss auf das schauen, was vor mir passiert, wo der Ball ist. Wenn ich anfange, im Fünfer auf Brustwarzen-Höhe die Bälle rumzupatschen, dann wäre es möglicherweise ein Eigentor gewesen."

So oder so - am Freitag bestand hinter den historischen Mauern der Unterkunft Redebedarf. "Wir sind alle ernüchtert", räumte Neuer ein. "Wir dürfen nicht jedes Spiel ein, zwei Gegentore bekommen. Wir müssen die Ballverlust-Quote minimieren", ergänzte Kimmich. Und das schnell.

Zudem muss das bei der EM noch so gefürchtete "Wusiala"-Duo endlich zünden. Wirtz fehle momentan "das Fortune", so Nagelsmann. Musiala müsse "an sich glauben, nicht zu viel nachdenken".

Doch auch Nagelsmann tüftelte mit seinen Co-Trainern und den Analysten herum. Er muss die Mannschaft zur Sicherheit auf verschiedene Gegner vorbereiten, theoretisch sind auch Schottland und Schweden noch möglich. "Jeder kann sich vorstellen, dass es bessere Konstellationen gibt, als Samstagnacht durchzuschrubben, um dann am Sonntag der Mannschaft den Gegner vorzustellen", sagte Nagelsmann, der gegen Ecuador mit Blick auf den weiteren Verlauf teils ein anderes System erproben ließ.

Schweinsteiger: "Sind nicht Weltspitze"

"Ich kann mich nicht erinnern, dass wir aus dem tiefen 5-4-1 Chancen zugelassen haben. Die drei Umschaltmomente, die wir dadurch gewinnen, müssen wir besser ausspielen", forderte Nagelsmann, der im Ernstfall wohl anders getauscht hätte. "In einem K.o.-Spiel hätten wir vom Profil her vielleicht anders gewechselt", sagte er.

Doch die Experimente dienen nur bedingt als Entschuldigung. "Mit dem Ball erwarte ich mehr Dominanz. Wir sind nicht Weltspitze", urteilte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger. "Es sah nicht so aus, als würden wir durch die nächsten Runden marschieren", stellte Jürgen Klopp bei MagentaTV fest. Thomas Müller vermisste Einigkeit und sprach von "Naivität". Auch darüber grübelte Nagelsmann im stillen Kämmerlein.

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