Anastasia Potapova hat dem rot-weiß-roten Tennis mit ihrem Nationenwechsel sofort eine Topspielerin gebracht. Lilli Tagger ist vom Juniorinnen-Versprechen zur ernsthaften WTA-Hoffnung gereift. Sinja Kraus hat sich in die Top 100 gearbeitet. Und Julia Grabher, lange die klare Nummer eins des Landes, kämpft weiter um die Rückkehr in jene Regionen, in denen sie vor ihrer Verletzung schon einmal war.
Ein Aufschwung mit mehreren Gesichtern
Die auffälligste Geschichte schreibt Potapova. Seit Jahresbeginn spielt sie für Österreich – und wirkt sportlich befreit. Ihr Finaleinzug beim Heimturnier in Linz, das historische Madrid-Halbfinale als Lucky Loser und der Sieg über Coco Gauff in Roland Garros haben aus dem Nationalitätswechsel auch eine sportliche Erfolgsgeschichte gemacht. Potapova ist nicht nur Österreichs neue Nummer eins, sie ist auch die einzige ÖTV-Spielerin, die kurzfristig in Richtung Top 20 denken darf.
Dahinter kommt die vielleicht spannendere Langzeitgeschichte: Lilli Tagger. Die 18-Jährige hat mit dem Juniorinnen-Titel in Roland Garros 2025 den ersten großen Marker gesetzt, 2026 aber gezeigt, dass sie nicht im Nachwuchs stehenbleiben will. Ihre einhändige Rückhand, ihre Größe, ihr Offensivdrang und das Training unter Francesca Schiavone machen sie zu einer Spielerin, die nicht wie ein typisches Übergangstalent wirkt. Siege gegen etablierte Namen sind bereits da. Die Frage ist jetzt, wie schnell daraus Stabilität wird.
Sinja Kraus wiederum steht für den mühsamen, aber oft nachhaltigeren Weg. Sie hat sich über ITF- und WTA-125-Turniere nach oben gearbeitet, 2026 die Top 100 erreicht und in Paris erstmals ein Grand-Slam-Hauptfeld gespielt. Bei ihr geht es weniger um Glamour als um Substanz: Kann sie die Qualifikations- und Challenger-Stärke in regelmäßige Tour-Siege verwandeln?
Julia Grabher bleibt ein Sonderfall. Ihre Karriere hat bereits gezeigt, dass Top-60-Niveau möglich ist. 2026 ist aber noch kein Jahr des großen Sprungs, sondern eines der Stabilisierung. Der Auftaktsieg bei den Australian Open war wichtig, doch die Konstanz fehlt.
Hinter Tagger wartet mit Anna Pircher bereits der nächste sehr junge Name. Die Tirolerin, Jahrgang 2010, ist noch kein Tour-Thema, aber ein bemerkenswerter Frühindikator für die Breite im österreichischen Nachwuchs. 2025 gewann sie internationale Juniorinnentitel, holte in Basel sogar das J200-Double und krönte ihr Jahr mit dem U16-EM-Titel in Parma – als erste Österreicherin seit Petra Ritter 1988. Im WTA-Ranking ist Pircher bereits angeschrieben, sportlich steht sie aber noch am Anfang des Übergangs vom Juniorinnen- zum Profitennis. Genau deshalb ist sie für Österreich so spannend: Während Tagger schon beweisen muss, dass sie sich auf WTA-Level hält, geht es bei Pircher noch darum, ob aus frühen Erfolgen eine belastbare Profikarriere wachsen kann.

Was der Rest der Saison bringen kann
Der Blick auf die Punkte macht die Lage besonders interessant. Potapova hat in der zweiten Saisonhälfte eher Chancen als Risiken. Tagger und Kraus dagegen verteidigen ab Sommer und Herbst viele Punkte aus starken 2025er-Wochen. Tagger muss vor allem ihren Finaleinzug beim WTA-250-Turnier in Jiujiang sowie starke ITF-W75-Wochen absichern. Kraus hat mit den Heimtiteln in Amstetten und Wien sowie dem WTA-125-Triumph in Cali mehrere große Blöcke zu verteidigen. Genau dort wird sich zeigen, ob der österreichische Aufschwung ein Ranking-Moment oder eine echte Strukturveränderung ist.

Mittelfristig ist die Perspektive so gut wie lange nicht. Potapova kann Österreich in großen Turnieren sichtbar machen. Tagger hat das Profil, um eine dauerhafte Top-50-Spielerin zu werden. Kraus kann sich als stabile Top-100-Kraft etablieren. Grabher kann bei gesunder Entwicklung noch einmal zurückkommen. Und mit Anna Pircher taucht bereits der nächste sehr junge Name im WTA-Ranking auf.
