Tore, Tore, noch mehr Tore
In den 104 WM-Spielen sind 308 Tore gefallen. Rekord. Kein Wunder: Durch die Aufstockung auf 48 Teams gab es natürlich auch so viele Partien wie nie zuvor. Dennoch: 2,96 Treffer pro Spiel sind der höchste Durchschnittswert seit der WM 1970 (2,97), wobei die WM 1954 (5,38) den unangefochtenen Höchstwert hält.
Bisweilen stand der Spielball, Österreichs Coach Ralf Rangnick nannte ihn eine "Kanonenkugel", im Verdacht, für die Torflut mitverantwortlich zu sein. Dass sich der Anteil der Weitschusstore verdoppelt hat, legt diesen Schluss zumindest nahe. Auch wenn die FIFA-Analysten um Arsène Wenger und Jürgen Klinsmann den besonders beliebten "tiefen" Abwehrblock als taktischen Grund dafür sahen.

Der Star ist die Mannschaft
Lange war die WM das Turnier der Stars. Kylian Mbappé (10 Turniertore), Lionel Messi (8), Erling Haaland (7) und Harry Kane (6) lieferten sich zeitweise ein wildes Wettschießen um die Torjägerkrone, am Ende mischten auch noch Jude Bellingham (7) und Ousmane Dembelé (6) mit.
Doch am Ende triumphierte die Mannschaft, die den komplettesten Fußball spielte und ohne herausragenden Torjäger oder Ballzauberer erst Frankreich und Mbappé, dann im Finale Argentinien und Messi stoppte. Zu Recht wurde Rodri, der Teamspieler schlechthin, eher unsichtbar als spektakulär, mit dem Goldenen Ball ausgezeichnet - und damit gewissermaßen die Mannschaft als Star der WM.

Die Defensive gewinnt Titel
Das ist, nicht nur im Fußball, keine neue Erkenntnis. Spanien kassierte in acht Turnierspielen nur ein (!) Gegentor zu, ließ insgesamt nur zehn Schüsse auf das eigene Tor zu - meist aus eher ungefährlichen Positionen, wie der niedrigste Expected-Goals-Wert aller Mannschaften (2,37) trotz der meisten WM-Spiele belegte. Zudem erzwangen Rodri und Co. die mit Abstand meisten Ballverluste (399).
Auch Spanien folgte dem Trend, den Wenger, Klinsmann und Co. feststellten: Es wurde deutlich tiefer verteidigt. Nicht nur von den Kleinen, die gegen die Großen kaum unter die Räder gerieten. Sondern auch von den Großen selbst, die damit im Umschaltspiel mehr Platz für ihre schnellen Offensivspieler schufen.
Neue Regeln wirken
Stolz präsentierte die Technical Study Group der FIFA bis auf die Nachkommastelle, wie die Regeländerungen das Zeitspiel verringerten. Abstöße erfolgten deutlich schneller, nur noch zwölf Prozent dauerten länger als 30 Sekunden (2022 noch ein Viertel). Im Schnitt gab es nur noch 1,6 Behandlungspausen pro Spiel (statt 2,3).
Der "Frust, dass da jemand liegt, der gar nicht verletzt ist", wie Klinsmann es nannte, sank damit spürbar. Auch die Torhüter profitierten messbar: Sie fausteten fast zehn Prozent öfter bei Flanken, Ecken und Freistößen, laut dem Ex-Torhüter Pascal Zuberbühler eine Folge der Regelauslegung, "Torhüter besser zu schützen".
Unruhe um die Zukunft der Trinkpausen
Was die Zuschauer davon hielten, dass der Schiedsrichter die Spieler in der Mitte jeder Halbzeit zu ihren Ersatzbänken schickte, war nicht zu überhören. Die "Hydration Break" zweimal pro Spiel, in der auf Geheiß der FIFA getrunken wird und die TV-Sender Werbung zeigen, wurde von Buhrufen und Pfiffen begleitet.
Plötzlich dauerte ein Fußballspiel nicht mehr zwei Halbzeiten, sondern vier Viertel, was sich durchaus auf den Spielrhythmus auswirkte. Drangphasen fanden ein plötzliches Ende, Trainer griffen mit Taktikänderungen ein. Dazu hatten die FIFA-Analysten übrigens keine Zahlen parat. Das müsse man "noch analysieren", sagte Wenger. Aha.

Die WM der Superjoker
Ferran Torres machte im Finale den Mario Götze und entschied als zweiter Einwechselspieler in der WM-Geschichte ein Endspiel. Es war das passende Ende für die Weltmeisterschaft der "Superjoker". Nie zuvor war die Bedeutung der Einwechselspieler so groß. 59 der 308 Turniertore wurden von Spielern erzielt, die von der Bank kamen.
Mit knapp 19,2 Prozent stellte diese WM damit einen neuen Bestwert auf. Im Gedächtnis blieb neben Spaniens Finalheld Torres dessen Landsmann Mikel Merino, der sowohl das Achtelfinale gegen Portugal als auch das Viertelfinale gegen Belgien entschieden hatte. Oder Argentiniens Lautaro Martínez im Halbfinale gegen England.
