Nur vier Skirennläuferinnen waren in diesem Winter in einer Weltcup-Abfahrt schneller als Vonn: Cornelia Hütter aus Österreich, die Italienerin Nicol Delago - und eben Aicher sowie Weidle-Winkelmann, Letztere als einzige sogar zweimal. Und Aicher, berichtet Wolfgang Maier, habe ihm versprochen: "Wolfi, in Mailand, da holen wir Medaillen. Nicht eine, mehrere!" Das, findet der DSV-Sportvorstand, sei doch mal eine "coole Einstellung".
Sie passt zu diesem kleinen, aber feinen deutschen Team - vor allem zu Aicher. Die 22-Jährige, heißt es im besten Skifahrer-Sprech, "scheißt sich nix". Aicher traut sich was, auch wenn das kaum glauben mag, wer sie reden hört. Die Tochter einer Schwedin und eines Deutschen tastet sich meist behutsam heran an das, was sie sagt. Oft kommt dabei nicht viel mehr heraus als "Boah" oder "Joa".
Aicher als "Susi Sorglos" bei Olympia
Auf der Piste legt sie diese Zurückhaltung ab. "Die Emma", sagt Cheftrainer Andreas Puelacher, "ist auf der gleichen Stufe wie die Lindsey vom Gefühl her". Er hat sie schon vor einem Jahr als "Rakete" auf der Startrampe bezeichnet. Aicher, sekundiert Felix Neureuther, sei "zu allem fähig". Maier nennt sie die Sportlerin, die "das meiste Potenzial nach vorne hat".
Ihre größte Stärke? "Dass sie so viel Spaß am Skifahren hat", sagt Maier. Diese Unbekümmertheit kann zur Schwäche werden, wenn Aicher als "Susi Sorglos" über die Piste wedelt. Maier spricht von "Schlampigkeit, aber das musst du aushalten".
Aicher weiß: "Wenn ich normal tu, könnte es ganz gut werden." Wenn. Der Hang, also die Olimpia delle Tofane, auf der Vonn Rekordsiegerin ist, "taugt" ihr, sagt sie. Das gilt erst recht für Weidle-Winkelmann, die dort 2021 WM-Silber gewonnen hat. "Cortina ist eine meiner Lieblingsstrecken", sagt sie.
Und mit den Winterspielen hat die in dieser Saison wiedererstarkte 29-Jährige "noch eine kleine Rechnung offen". 2022 in Peking hatte sie Bronze als Vierte um 0,14 Sekunden verpasst. Diesmal will sie "nicht zu sehr auf das Ergebnis schauen", sondern die Freude am Skifahren in den Vordergrund stellen.
Auch Weidle-Winkelmann wieder in Form
"Mit dem Spaß", weiß Weidle-Winkelmann, "kommt die Geschwindigkeit - und dann kommen hoffentlich die Erfolge." Eine Taktik, die sie sich nach einem "extremen Tief" im vergangenen Winter mühsam erarbeitete, mit Aichers Hilfe.
Dass ihr die junge Kollegin plötzlich um die Ohren fuhr, fand Weidle-Winkelmann anfangs "gewöhnungsbedürftig". Letztlich aber habe sie die interne Konkurrenz beflügelt. Das Ergebnis: Zwei zweite Plätze in dieser Saison. Der Kopf, sagt sie, sei endlich "frei", Weidle-Winkelmann ist wieder "hungrig".
Auch auf Gold? Vonn ist für viele noch immer die Topfavoritin. "Die Lindsey ist immer schnell, die kann man nicht abschreiben", sagt Aicher. Doch während sich die lädierte Speed-Queen verbissen an ihren letzten Gold-Traum klammert, soll beim DSV-Duo die Leichtigkeit regieren. Ihr Motto? "Einfach Spaß haben", sagt Aicher schmunzelnd, und "gut Skifahren".
