Remco Evenepoel nahm auf seinem Zeitfahrrad die aerodynamische Sitzposition ein, warf den kraftvollen Motor in seinen Beinen an – und war damit auch beim Ausflug in die Formel 1 ganz in seinem Element. Auf dem Red-Bull-Ring in Spielberg, wo jeden Sommer Max Verstappen und Co. auf Zeitenjagd gehen, raste der belgische Radprofi bei einem PR-Termin im Regenbogentrikot über die Start-und-Zielgerade und probte dabei auch für den Kampf um die Pole Position bei der anstehenden Straßenrad-WM.
Historischer Rekord möglich
Wenn am Sonntag in Montréal – wohlgemerkt nicht auf dem Circuit Gilles-Villeneuve – mit dem Kampf gegen die Uhr der Startschuss zu einem der letzten großen Höhepunkte einer langen Saison fällt, führt an Evenepoel kaum ein Weg vorbei. Mehr noch: Der Doppel-Olympiasieger plant Historisches. "Ich freue mich enorm darauf. Ich kann der erste Fahrer werden, der viermal in Folge Weltmeister wird. Das macht es natürlich noch spezieller", sagte der 26-Jährige.
Vier WM-Titel im Einzelzeitfahren - aber eben nicht in Serie - haben bislang nur der frühere Schweizer Top-Star Fabian Cancellara sowie der deutsche Ex-Profi Tony Martin vorzuweisen. Über Evenepoels Dominanz dürften beide staunen. Elf Einzelzeitfahren hat Evenepoel seit seinem Olympiasieg vor etwas mehr als zwei Jahren in Paris gewonnen. In diesem Jahr hat er drei Siege bei drei Starts gefeiert, zuletzt im Einzelzeitfahren der Tour de France, das zu seinem zweiten Platz in der Gesamtwertung beitrug.
Jüngsten Auftritte bestätigen seine starke Form
Die Krönung in Kanada soll auf dem 39,2 km langen Kurs erfolgen, der mit 220 Höhenmetern Fahrern wie Filippo Ganna (Italien), Stefan Küng (Schweiz) oder Ethan Hayter (Großbritannien) Chancen auf ein Top-Ergebnis lässt. Der Top-Favorit bleibt dennoch Evenepoel. "Der größte Druck, den ich spüre, ist der Druck, den ich mir selbst mache", sagte Evenepoel: "Ich weiß, dass ich um einen vierten Weltmeistertitel in Folge im Zeitfahren kämpfen kann. Ich lege die Messlatte für mich selbst hoch."
Vielleicht auch deshalb ist der Zeitfahrtitel nicht das einzige erklärte Ziel. Evenepoel, der im August etwa dreieinhalb Wochen im Höhentraining verbrachte, will das verletzungsbedingte Fehlen von Superstar Tadej Pogacar nutzen, um im Straßenrennen am 27. September zum Doppel-Weltmeister aufzusteigen. "Das ist etwas, worin ich gut bin: mich vollständig auf ein Ziel zu konzentrieren, es danach schnell loszulassen und mich auf das nächste Ziel einzustellen. Zum Glück liegt dazwischen auch etwas Zeit, um wieder Energie zu tanken", sagte Evenepoel.
Die jüngsten Auftritte in Kanada unterstrichen seine starke Form. Nach einer über einmonatigen Rennpause gewann er zuletzt das Eintagesrennen Grand Prix Cycliste de Québec. Die WM-Generalprobe in Montréal beendete er immerhin noch als Fünfter.
