Rekorde sind zum Brechen da: Warum Adebayos 83-Punkte-Gala schlicht sensationell ist

Bam Adebayo darf lächeln: Er hat Geschichte geschrieben.
Bam Adebayo darf lächeln: Er hat Geschichte geschrieben.Rhona Wise-Imagn Images via REUTERS

Obwohl Bam Adebayo mit 83 Zählern das zweitbeste Scoring-Spiel der NBA-Geschichte abgeliefert hat, erntet er dafür nicht nur Applaus. Doch es ist völlig unverständlich, eine der größten sportlichen Leistungen des Jahrzehnts derart kleinzureden.

"Was Sie gleich lesen, könnte man als Kritik der übelsten Sorte bezeichnen. Betrachten Sie diese Warnung als Einordnung zu Bam Adebayos historischem Auftritt: Ich habe nur wenige Minuten des Spiels gegen die Washington Generals – Verzeihung, die Wizards – gesehen und habe nicht vor, mehr davon anzuschauen."

Mit diesen provokanten Worten leitet der renommierte Journalist Sam Amick seine Kolumne ein. Adebayo erzielte in der Nacht auf Mittwoch 83 Punkte, übertraf damit die 81 von Kobe Bryant aus dem Jahr 2006 und schob sich auf Platz zwei der ewigen Bestenliste – direkt hinter die legendären 100 Punkte von Wilt Chamberlain. Doch statt kollektiver Begeisterung formiert sich eine Front aus aktuellen und ehemaligen NBA-Akteuren, die der Leistung Wert absprechen wollen.

Solange die Freiwürfe berechtigt sind, ist alles legitim

Ein prominentes Beispiel: Robert Horry, siebenfacher Champion, fordert ein "Sternchen" für diesen Rekord. "43 Würfe, 43 Freiwürfe. 83 Punkte sind beeindruckend, aber man muss das Spiel respektieren. Das war hier teils nicht der Fall", kritisierte er bei NBA Courtside.

Der Kern der Kritik: Die 43 Freiwurfversuche (36 Treffer) – beides Rekordwerte. Sicher, das ist nicht die ästhetischste Art des Basketballs. Aber es ist eine legitime Strategie, die Schwächen des Gegners gnadenlos auszunutzen. Die Wizards verteidigen die Zone seit Jahren katastrophal; sie dort konsequent zu attackieren, ist taktisch klug. Und fest steht: Die Pfiffe waren fast ausnahmslos berechtigt.

Ja, es war nur ein reguläres Saisonspiel zweier Teams, die derzeit nicht um den Titel spielen. Und ja, Heat-Coach Erik Spoelstra hätte seinen Center bei dem Endstand von 150:129 früher vom Feld nehmen können. Doch er entschied sich, seinem Schützling, der bereits nach 25 Minuten bei 50 Punkten stand, die Chance auf einen historischen Moment zu geben.

Ist es nicht genau das, was die NBA ausmacht? Zu sehen, wie ein etablierter Star über sich hinauswächst und für einen Abend zur Legende wird? Man kann nicht einerseits mangelnden Wettbewerb beklagen und dann kritisieren, wenn ein Spieler die Statik eines Spiels komplett sprengt.

Ist das Brechen von Rekorden nun verboten?

Das schwächste Argument liefert jedoch Sam Amick: Adebayo hätte bei 81 Punkten aufhören sollen, aus Respekt vor Kobe Bryant. Liebe Sportfans: Sollen wir das Streben nach Exzellenz nun einstellen, nur um die Idole vergangener Tage nicht zu gefährden?

Müsste man dann auch einem Tadej Pogačar verbieten, die Tour de France öfter als Eddy Merckx zu gewinnen? Oder einem Alcaraz sagen, er solle das Niveau der "Big Three" bloß nicht überschreiten? Das Problem scheint hier eher die Person Adebayo zu sein. Er ist ein hervorragender All-Star, aber kein medialer Superstar. Sein Spiel ist seriös, nicht extravagant.

Hätte ein Victor Wembanyama oder Luka Dončić diese Zahlen gegen die Wizards aufgelegt, wäre der Tenor ein anderer gewesen. "Wemby" erzielte letzte Saison 50 Punkte in 32 Minuten gegen Washington – Adebayo knackte diese Marke in 26 Minuten.

Der wahre Elefant im Raum ist jedoch das Erbe von Kobe Bryant. Sein Status ist seit seinem tragischen Tod sakrosankt, seine 81 Punkte galten als unantastbares Heiligtum der Moderne.

Doch blicken wir zurück: Auch Kobes 81-Punkte-Spiel war eine Regular-Season-Partie, in der er fast durchspielte und am Ende jeden Wurf forcierte, um Wilt Chamberlains 78 Punkte zu übertreffen. Seine letzten sieben Zähler erzielte er übrigens ebenfalls an der Freiwurflinie.

Man kann Adebayo gratulieren, ohne Kobes Andenken zu beschmutzen. Rekorde sind dazu da, angegriffen zu werden. Ohne diesen Ehrgeiz gäbe es keinen sportlichen Wettbewerb.

Die Leistung würdigen

Wir haben etwas Sensationelles erlebt: 83 Punkte. Das passiert praktisch nie. Warum versuchen wir, diesen monumentalen Erfolg durch die "Freiwurf-Brille" kleinzureden? Wenn es so einfach wäre, über die Linie 80 Punkte zu knacken, warum hat es dann vor ihm niemand getan?

Adebayo traf weniger als 50 % aus dem Feld, aber er fand einen Weg, das Spiel zu dominieren. In einer Liga, in der viele Stars von ihren Quoten besessen sind, hat er einfach weitergemacht, bis er Geschichte schrieb. Wie Giannis Antetokounmpo einst treffend sagte: "Egal wie du es schaffst. Wichtig ist nur, dass du es schaffst. In 30 Jahren fragt niemand mehr nach der Anzahl der Freiwürfe." Punkt.