Über Jahre hinweg galten die Spurs als Musterbeispiel einer funktionierenden Dynastie. Doch dieses Fundament begann zu bröckeln: Tony Parker und Kawhi Leonard verließen das Team, Tim Duncan und Manu Ginóbili beendeten ihre Karrieren. Mit dem Wegfall dieser prägenden Figuren verlor die Franchise nicht nur an Qualität, sondern auch an Identität. Die Konsequenz: sechs verpasste Playoff-Teilnahmen in Folge und der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.
Noch vor einem Jahr befanden sich die Spurs am Ende der Western Conference. Lange vor Saisonende waren alle Playoff-Hoffnungen dahin. Das Team wirkte orientierungslos, mitten in einem schmerzhaften Neuaufbau und auf der Suche nach einem neuen Fundament.
Verwandlung zum Titelkandidaten?
Dann folgte der nächste Rückschlag: Victor Wembanyama, das große Zukunftsversprechen der Franchise, wurde mit einer tiefen Venenthrombose diagnostiziert und fiel für den Rest der Saison aus. San Antonio gewann lediglich 34 Spiele, nur zwei Teams im Westen schnitten noch schlechter ab.
Ein Jahr später bietet sich jedoch ein völlig anderes Bild: Ende Februar 2026 stehen die Spurs bei 43 Siegen und nur 16 Niederlagen. Sie sind Zweiter in der Western Conference, liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Oklahoma City und spielen den besten Basketball seit Jahren. Eine Siegesserie von elf Spielen unterstreicht den eindrucksvollen Wandel.
Nach Wembanyamas Diagnose herrschte zunächst große Unsicherheit. Blutgerinnsel hatten bereits Karrieren wie die von Chris Bosh frühzeitig beendet. Doch der junge Franzose nutzte die Zeit für seine Genesung, arbeitete geduldig an seiner Fitness und kehrte im Sommer vollständig genesen und stärker denn je zurück. Seine Rückkehr wurde zum entscheidenden Baustein des Aufschwungs.
Doch nicht nur auf dem Parkett mussten die Spurs Rückschläge verkraften. Kurz nach Saisonbeginn erlitt Headcoach Gregg Popovich einen Schlaganfall – ein Schock für die gesamte Organisation. Plötzlich rückte Assistenztrainer Mitch Johnson in den Fokus.
Spurs rücken Rookies ins Rampenlicht
Der 38-Jährige meisterte die Situation bemerkenswert souverän. Mit Ehrlichkeit, klarer Kommunikation und harter Arbeit gewann er schnell das Vertrauen der Mannschaft. Seine offene Art kam bei den Spielern an, und trotz einer turbulenten Saison überzeugte er die Verantwortlichen. Im Mai wurde er offiziell zum Headcoach ernannt.
Mit einer vollständigen Offseason zur Vorbereitung konnte Johnson seine Ideen umsetzen und den Fokus klar auf die Entwicklung der Spieler legen. Junge Talente rückten in den Mittelpunkt: Stephon Castle steigerte seine Effizienz deutlich und wurde ins Rising-Stars-Team berufen. Rookie Dylan Harper fand schnell seine Rolle, während auch Carter Bryant wichtige Impulse setzte. Die Mannschaft verkörperte wieder die klassischen Spurs-Tugenden: mannschaftsdienliches Spiel, defensive Disziplin und hohe Spielintelligenz.
Nach und nach griffen die einzelnen Bausteine ineinander. Das Team wirkte gefestigt, eingespielt und vor allem hungrig. Johnson selbst beschreibt die schwierige Vorsaison als prägende Erfahrung, die den Grundstein für den heutigen Erfolg gelegt hat. Die zahlreichen Herausforderungen hätten das Team enger zusammengeschweißt und den Charakter der Mannschaft gestärkt.
Dieser Zusammenhalt zahlt sich nun aus: Die Spurs haben bereits mehr Siege als in der gesamten Vorsaison eingefahren – und noch zahlreiche Spiele vor sich. Nach der bekannten 40-20-Regel von Phil Jackson gelten Teams, die 40 Siege vor der 20. Niederlage erreichen, als ernsthafte Titelkandidaten. Neben Oklahoma City und Detroit gehören auch die Spurs zu diesem exklusiven Kreis.
San Antonio ist zurück, und zwar eindrucksvoll. Nach einer der schwierigsten Phasen der Franchise-Geschichte hat das Team seine Identität wiedergefunden. Durch kluge Personalentscheidungen, starke Drafts und konsequente Entwicklung ist eine neue, vielversprechende Generation herangewachsen.
Die Spurs jagen nicht länger nach Bedeutung. Sie jagen den Titel. Und die Liga hat längst bemerkt, dass mit ihnen wieder zu rechnen ist.
