Cortina 1956: Marika, Sophia und der Sprung der Winterspiele in die Moderne

Marika Kilius erinnert sich an die Olympischen Spiele in Cortina 1956.
Marika Kilius erinnert sich an die Olympischen Spiele in Cortina 1956.HORST GALUSCHKA / DPA PICTURE-ALLIANCE VIA AFP

Es waren andere olympische Zeiten in den Dolomiten. Raue Zeiten, damals, vor 70 Jahren. Und mittendrin die zwölf Jahre alte Marika Kilius und ihr Eiskunstlauf-Partner Franz Ningel (17). "Ihre hervorragende Kür sorgte derart für Aufsehen, dass das Publikum zehn Minuten buhte, als die Kampfrichter niedrige Wertungen anzeigten", notierte der Korrespondent der New York Times: "Orangen, Brotstücke und eine Chiantiflasche flogen von den Rängen auf das Eis." Mamma mia!

"Was da abging, war der Wahnsinn. Die ganze Arena spielte verrückt", erzählte Kilius jüngst der Welt: "Die Geschichte ist unauslöschlich, sie gehört für mich zum Eiskunstlaufen wie die Todesspirale."

Am 26. Januar 1956 und damit sieben Jahrzehnte vor der Rückkehr am 6. Februar starteten die ersten Olympischen Winterspiele von Cortina d'Ampezzo - das geplante Cortina-Debüt 1944 war kriegsbedingt ausgefallen. Es begannen denkwürdige Spiele - nicht nur, weil Eiskunstlauf-Tifosi ein komplettes Abendessen aufs Eis schleuderten.

Erste Live-Übertragung im Fernsehen

Cortina 1956: Das waren, 32 Jahre nach der Erstauflage in Chamonix, die ersten Winterspiele der medialen Moderne. Erstmals wurden die Wettbewerbe live im Fernsehen übertragen. Das heißt: Vielmehr wurde während der Wettbewerbe live übertragen. Denn während des Schweizer Golds im Frauen-Slalom beispielsweise zeigte die RAI-Regie wunderschöne Tribünen-Prominenz. "Statt eines Filmstars namens Sophia Loren hätten die Kameraleute lieber Renée Colliard aufnehmen sollen", stellte der Schweizer Kommentator nach Colliards Goldlauf fest.

Dennoch: Die Spiele trugen entscheidend zur Weiterentwicklung der Winterspiele bei. Die Live-Bilder ließen zwar die Zuschauerzahlen vor Ort schrumpfen, aber auch Millionen die Erfolge der großen Cortina-Helden wie Toni Sailer (dreimal Alpin-Gold) aus Österreich und Sixten Jernberg (viermal Langlauf-Gold) aus Schweden miterleben.

Die Bilder vermittelten, nicht nur wegen "La Loren", ein Idealbild von der Schönheit des Wintersports: Skirennen vor der Traumkulisse des Tofane-Massivs, schmucke Sportstätten wie die wunderschöne Skisprungschanze Trampolino Italia, dazu Lichtshows und moderne Zeitmessung - Cortina war ein rauschender Erfolg.

Weniger erfolgreich verlief das Dolomiten-Spektakel aus deutscher Sicht. 1952 in Oslo hatte eine rein bundesdeutsche Mannschaft noch mit sieben Medaillen, drei davon golden, geglänzt. Nun bildeten Athleten und Athletinnen aus BRD und DDR, dessen NOK das IOC gerade erst provisorisch anerkannt hatte, erstmals eine gesamtdeutsche Mannschaft, wie es dann bis 1964 Usus war.

Reichert holt erste Ski-Medaille nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Folge waren erbitterte "deutsch-deutsche" Qualifikations-Wettkämpfe vor den Spielen, welche die Olympia-Vorbereitung empfindlich störten. Statt doppelt gut war "Gesamtdeutschland" halbstark, holte nur zwei Medaillen. Beide aber waren historisch.

Da war die Sonthofenerin Ossi Reichert, 1952 schon Slalom-Zweite, die Gold im Riesenslalom gewann und erste deutsche Ski-Olympiasiegerin nach dem Krieg wurde. "Ich bin gefahren wie eine Verrückte, dreimal war ich kurz vor einem Sturz", sagte Reichert, die 2006 mit 80 Jahren verstarb.

Und da war Harry Glaß, der Skisprung-Stilist aus dem Erzgebirge, der zu Bronze flog und damit seinen Heimatstaat doppelt befriedigte: Die erste olympische Medaille überhaupt für die DDR verhinderte gleichzeitig Edelmetall für Westdeutschland - Glaßens Allgäuer "Teamkollege" Max Bolkart wurde Vierter.

Und Marika Kilius? Die Nichteinmal-Teenagerin landete mit Teenager Ningel auf dem undankbaren vierten Platz. Ihre Zeit aber sollte kommen: Ein Jahr später fand sie mit Hans-Jürgen Bäumler als deutsches Eis-Traumpaar zusammen, sie holten Olympiasilber 1960 und 1964 sowie zweimal WM-Gold. Es regnete Blumen statt Weinflaschen.


Erwähnungen