Nach zwei Niederlagen in zwei Spielen in Zürich waren die Zahlen niederschmetternd: null Punkte, ein Tor in 120 Minuten, drei Gegentore in vier Unterzahlsituationen, kein einziger Treffer in 14 Minuten Powerplay. Die deutsche Mannschaft schien das kleine Einmaleins des Eishockeys verlernt zu haben.
"Wir schaffen es einfach nicht, das Ding hinter die Linie zu bringen", sagte Stürmer Dominik Kahun dem SID, "die Scheiben verspringen uns." NHL-Neuling Joshua Samanski vermisste "diese dirty goals", die dreckigen Tore, sein Sturmkollege Lukas Reichel den "grit", den Mumm, die Entschlossenheit. Dem langjährigen Kapitän Moritz Müller fehlte als MagentaTV-Experte "ein Drecksack", einer, "der unkonventionell eine Lücke reißt, einen über den Haufen fährt, ins Tor reinrumpelt".
So sehr alle über die Gründe rätselten – die Diagnose nach zwei WM-Spielen war eindeutig: Die "Special Teams", die im modernen Eishockey immer wichtiger geworden sind, funktionierten überhaupt nicht. Null Prozent Powerplay-Quote bedeuteten vor dem Duell mit der Schweiz am Montag (20.20 Uhr/ProSieben und MagentaTV) ebenso den letzten Platz unter den 16 WM-Teams wie 25 Prozent im Penalty-Kill.
In Überzahl zu verspielt
Zumindest für die Überzahlschwäche hatte Kreis einen Erklärungsversuch. "Die Spieler möchten unbedingt eine gute spielerische Lösung suchen", bemängelte der Coach, "anstatt einfach aufs Tor zu ballern, auf den Nachschuss zu gehen und die Unterzahlmannschaft ein bisschen aus dem Konzept zu bringen, um dann noch eine zweite Chance zu kreieren."
Zu kompliziertes Eishockey war schon bei der Olympia-Enttäuschung in Mailand mit allen NHL-Stars um Leon Draisaitl ein Problem. Mit deutlich schwächerer Besetzung in Zürich potenziert es sich. "Zu wenig Verkehr vor dem Tor", machten Kreis, Kapitän Moritz Seider sowie die NHL-Stürmer Reichel und Samanski unisono als Grund für die Torflaute aus.
Womöglich fehlt im deutschen Team aber auch die Powerplay-Kompetenz. Auffällig war, dass Kreis mit nur drei Stürmern, aber zwei Verteidigern Überzahl spielen ließ. Normal ist im modernen Eishockey ein Angreifer mehr. Die fünf besten deutschen Powerplay-Punktesammler der Deutschen Eishockey Liga (DEL) fehlen in seinem WM-Kader: Matthias Plachta, Dominik Bokk, Justin Schütz, Marcel Brandt und Tobias Rieder. Nur Schütz ist verletzt, Bokk schickte Kreis aus der Schweiz nach Hause, nachdem Reichel nachgereist war.
Chronisch ist inzwischen die Unterzahlschwäche. Schon bei der WM im Vorjahr in Dänemark kassierte die deutsche Mannschaft doppelt so viele Tore, wie sie selbst in Überzahl erzielte. Und auch bei Olympia, als Draisaitl und Co. das Powerplay auf ein gutes Niveau hoben, zählte der Penalty-Kill zu den schlechtesten des Turniers.
"Wir müssen vielleicht ein bisschen anders spielen", meinte Reichel, der seinen 24. Geburtstag am Sonntag überhaupt nicht genießen konnte. Der Neustart nach dem Crash sollte schnell gelingen, sonst wäre das erklärte Ziel Viertelfinale schon früh außer Reichweite.
Zum Match-Center: Deutschland vs. Lettland
