Auch nach dem Schlusspfiff übernahm Joshua Kimmich die Initiative. In dicker Winterjacke führte der Siegtorschütze seine Teamkollegen zur Münchner Kurve in Dortmund und hüpfte ausgelassen vor den Bayern-Fans - es sah aus wie eine vorgezogene Titelparty, auch Trainer Vincent Kompany schaute interessiert aus der Nähe zu.
Zweifel an der 35. Meisterschaft des Rekordchampions hat Kapitän Kimmich ohnehin nicht mehr. "Jetzt haben wir elf Punkte Vorsprung. Das werden wir nicht mehr abgeben", sagte der 31-Jährige nach dem 3:2 (0:1) im Bundesliga-Klassiker bei der Borussia am Sky-Mikrofon. Dass niemand bisher ein solches Polster noch verspielte, werde "so bleiben", ergänzte er im Brustton der Überzeugung.
Kimmich entscheidet das Spiel
Dass der letzte Verfolger schon zehn Runden vor Schluss abgehängt ist, lag vor allem an Matchwinner Kimmich, der sogar den Doppeltorschützen Harry Kane auf dessen Jagd nach dem Bundesliga-Rekord in den Schatten stellte. "Weltklasse" sei die Leistung des Nationalmannschaftskapitäns gewesen, schwärmte sogar der Trainer des Gegners. "Andere hauen das Ding unters Dach", sagte BVB-Coach Niko Kovac über Kimmichs Volleyschuss mit links zur späten Entscheidung (87.), "er haut das Ding ins Tor".
Er habe sich nur darauf "konzentriert, den Ball vernünftig zu erwischen, da ist nicht viel mit Zielen", sagte Kimmich selbst über sein Traumtor - bereits sein zweiter sehenswerter Siegtreffer in Dortmund nach dem Lupfer im Mai 2020 zum 1:0. Nicht weniger begeistert war Kovac vom Chipball vor dem zwischenzeitlichen 1:1 durch Kane (54.) - und stellte zu Recht fest: "Der kleine, aber feine Unterschied war Jo Kimmich."
Zum Match-Center: Borussia Dortmund vs. Bayern München
Der Gefeierte befand, ganz Perfektionist, kritisch, dass "es nicht unser bestes Spiel war", der Sieg nach Rückstand durch Nico Schlotterbeck (26.) und spätem Ausgleich durch Daniel Svensson (83.) aber "wichtig für die Mentalität, für den Zusammenhalt" sei, "das schweißt zusammen". Dass dabei Kane, der zudem per Foulelfmeter traf (70.), mit seinem vierten Doppelpack in Folge ein weiteres Kapitel Bundesligageschichte schrieb und mit 30 Toren nach 24 Spielen die Saisonbestmarke von Robert Lewandowski (41 in 2020/21) jagt, ging fast ein wenig unter. Zu sehr drückte Kimmich - nicht nur wegen der beiden Torbeteiligungen - dem Spiel seinen Stempel auf.
BVB bangt um Can
Während der Bayern-Kapitän eine Stunde nach dem Schlusspfiff ganz entspannt schon auf den nächsten Champions-League-Gegner Atalanta Bergamo blickte, leckten die Dortmunder nach der erneuten Niederlage im vermeintlichen "Clasico" ihre Wunden. Nicht nur ist wenige Tage nach dem schmerzhaften K.o. in der Königsklasse in Norditalien die letzte Hoffnung auf ein bisschen Spannung im Bundesliga-Titelkampf dahin.
Für den Rest der Saison, die eher langweilig auszutrudeln droht, muss der BVB auch auf seinen Spielführer verzichten. Emre Can, der sich gleich mehrmals mit Schmerzen im Knie auf dem Rasen gewälzt hatte, verließ auf Krücken das Stadion. Nach ersten Tests der Ärzte sehe es nach einem Kreuzbandriss aus, berichtete Kovac, "das wäre ein richtig harter Schlag für uns". Es könnte gar Cans letztes Spiel für Dortmund gewesen sein, denn sein Vertrag läuft aus.
Nach dem Aus im DFB-Pokal und in der Champions League geht es für den Tabellenzweiten aber ohnehin nur noch darum, die erneute Teilnahme an der Königsklasse zu sichern. Das Polster ist so komfortabel, dass nichts mehr passieren sollte. Genau wie bei den Bayern, denen BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl schon zum Titel gratulierte: "Die Meisterschaft ist ihnen nicht mehr zu nehmen."
