Überleben als Erfolgsrezept: Wie FC Midtjylland zur europäischen Topmannschaft wurde

Die Spieler und das Team von FC Midtjylland müssen auf ihren Überlebenstrips viele Herausforderungen meistern
Die Spieler und das Team von FC Midtjylland müssen auf ihren Überlebenstrips viele Herausforderungen meisternFC Midtjylland

Das Überleben in der Wildnis ist für den FC Midtjylland weit mehr als ein außergewöhnliches Teambuilding-Experiment. Es ist ein zentraler Bestandteil der Klub-DNA – und einer der Gründe, warum sich der dänische Meister in den vergangenen Jahren zu einer festen Größe im europäischen Fußball entwickelt hat. Während andere Teams im Winter die Sonne suchen, bringt Midtjylland seine Spieler bewusst an die Grenzen des Erträglichen.

Am Donnerstagabend kämpft der Klub am abschließenden Spieltag der Europa League gegen Dinamo Zagreb um den Einzug ins Achtelfinale, nachdem er in der Ligaphase aktuell auf einem starken vierten Platz sitzt. Doch wer glaubt, dass sich die Spieler nach dieser internationalen Herausforderung eine Pause gönnen dürfen, täuscht sich.

Zum Match-Center: Midtjylland vs. Dinamo Zagreb

Nur rund acht Stunden nach dem Abpfiff besteigt der gesamte Kader ein Flugzeug in Richtung Norden der schottischen Highlands. Dort beginnt ein Überlebenstrip, der fast drei Tage dauert – bei Temperaturen, die regelmäßig unter minus 20 Grad Celsius fallen.

Überlebenstrip statt Trainingslager

Während viele Klubs aus Nordeuropa im Januar Trainingslager im Süden absolvieren, setzt Midtjylland auf eine radikal andere Herangehensweise. Der Verein, 1999 aus dem Zusammenschluss von Ikast und Herning Fremad entstanden, hat bislang vier dänische Meistertitel gewonnen. Auffällig: Jeder dieser Titel wurde von einem Überlebenstrip zu Jahresbeginn begleitet, der den Teamgeist für die entscheidende Phase der Saison stärken sollte.

In diesem Jahr stellte die Organisation der Reise eine besondere Herausforderung dar. Der Trip musste zwischen das Europa-League-Spiel und das Prestigeduell gegen den amtierenden dänischen Meister FC Kopenhagen am 8. Februar gelegt werden.

Dennoch hielt Klubbesitzer Anders Holch Poulsen an dem Plan fest und ermutigte Mentalcoach B.S. Christiansen, das Projekt erneut umzusetzen. Christiansen ist ehemaliger Elitesoldat und seit Jahren für die extremen Herausforderungen verantwortlich – ein klares Signal dafür, dass Midtjylland weiterhin bereit ist, unkonventionelle Wege zu gehen.

"Es bleibt ihnen nur, sich gegenseitig zu helfen"

In der schottischen Wildnis müssen Spieler, Trainer und Betreuer mit minimaler Ausrüstung auskommen. Mobiltelefone sind tabu. Sie errichten Lager, lernen Feuer zu machen, zu fischen, Hirsche zu jagen und zu häuten sowie Flüsse und Seen zu überqueren. Ziel ist es, die Mannschaft aus der Komfortzone zu holen und sie zu zwingen, sich aufeinander zu verlassen. Für Christiansen geht es dabei vor allem um Selbsterkenntnis und Charakterbildung.

Hubschrauber helfen Spielern während eines Schneesturms von einem schottischen Berg
Hubschrauber helfen Spielern während eines Schneesturms von einem schottischen BergPhoto: FC Midtjylland

"Wenn ich sie in die Wildnis mitnehme, wo es keine Hilfe gibt, bleibt ihnen nur, sich gegenseitig zu helfen", erklärt er. Wer dort draußen um Hilfe ruft, wird nicht gehört. Die Spieler müssen lernen, mit Unsicherheit umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Bei einem früheren Trip habe er ihnen gesagt, dass sie das Zeug zum Titel hätten, wenn sie drei Tage in der schottischen Natur überstehen – wenig später wurde Midtjylland Meister.

Führungspersönlichkeit als zentraler Fokus

Ein besonderer Fokus liegt auf der Entwicklung von Führungspersönlichkeiten. In kleinen Gruppen müssen die Spieler unter extremem Druck Aufgaben lösen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. "Auf dem Platz oder in der Kabine kann man sich vielleicht noch ein wenig verstecken, aber dort draußen muss man wirklich Charakter zeigen", sagt Christiansen. Kommunikation, Motivation und klare Führung seien dort überlebenswichtig – und genau diese Fähigkeiten ließen sich später auf den Fußball übertragen.

Christiansen hat bereits für das frühere Radsportteam CSC ähnliche Überlebenstrips organisiert, die als Basis für spätere Erfolge bei der Tour de France galten. Trotzdem stoßen die Methoden immer wieder auf Skepsis: "Im Laufe der Jahre habe ich oft erlebt, dass Leute über diese Reisen die Nase rümpfen oder sich darüber lustig machen", so Christiansen. "Aber das ist nur Ausdruck ihrer eigenen Unsicherheit, weil sie die Ergebnisse sehen, die wir erzielen. 2015 war es genauso, als wir die erste Meisterschaft geholt haben – plötzlich waren alle interessiert, was wir gemacht haben."

B.S. Christiansen, der ehemalige Elitesoldat, der die Überlebenstrips organisiert
B.S. Christiansen, der ehemalige Elitesoldat, der die Überlebenstrips organisiertPhoto: B.S.Christiansen

Kein anderer europäischer Klub schickt einen Millionen-Kader samt Trainerstab, Physiotherapeuten und Teamleitern bewusst in lebensfeindliche Bedingungen. Doch genau darin sieht Midtjylland seinen Vorteil. Fußballer lebten oft sehr individuell und privilegiert, erklärt Christiansen. In der Wildnis zähle nur das Team – jede Entscheidung habe unmittelbare Konsequenzen. Wer nicht trocken bleibt, friert. Wer kein Lager baut, schläft schlecht. Und wer nichts fängt, muss hungern.

Aus Kritik wird Lob

Mit Spielern aus 19 verschiedenen Nationen ist Zusammenhalt für Midtjylland essenziell. Je besser sich die Spieler verstehen, sich gegenseitig unterstützen und auch um Hilfe bitten können, desto stabiler tritt die Mannschaft auf – besonders unter Druck. Offene Konflikte auf dem Platz oder mit dem Trainer gebe es im Klub praktisch nie, betont Christiansen. Die Erfahrungen aus der Wildnis würden genau dann greifen, wenn es sportlich schwierig werde.

Der türkische Nationalspieler Aral Simsir beim Schießtraining
Der türkische Nationalspieler Aral Simsir beim SchießtrainingPhoto: FC Midtjylland

Der dänische Sender TV Midvest begleitete die Schottland-Reise 2024 in einer dreiteiligen Dokumentation und zeigte dabei auch Frust und Zweifel einzelner Spieler. Besonders der türkische Nationalspieler Aral Simsir äußerte zunächst Unverständnis über die Härte der Maßnahmen, lobte später jedoch die Lernerfahrung und den nachhaltigen Effekt auf sein Leben und seine Karriere.

Durch die Hölle zum Titel?

Auch in diesem Jahr blickten viele Spieler beim Briefing sichtbar nervös drein. Einige hatten die Anforderungen unterschätzt – so wie jene Spieler, die einst ohne wasserdichte Stiefel anreisten und drei Tage in Turnschuhen durch die Wildnis mussten. Aufgeben sei jedoch nie eine Option, sagt Christiansen. Genau das sei die Parallele zum internationalen Wettbewerb.

Viele Akteure blicken heute dankbar auf diese Reisen zurück. Torhüter Jonas Lössl gehört zu den größten Befürwortern des Konzepts. Die Strapazen fühlten sich an wie ein Gang durch die Hölle, sagt er – machten das Team am Ende aber deutlich stärker.

Ob der nächste Überlebenstrip erneut den Grundstein für sportlichen Erfolg legt, wird sich zeigen. Fest steht jedoch: Beim FC Midtjylland beginnt der Kampf um Siege und Titel nicht nur auf dem Rasen, sondern tief in der eisigen Wildnis.

Senior News Editor Svend Bertil Frandsen
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