EXKLUSIV: Ex-Benfica-Star Gaitan über Zeit in Europa und Zusammenspiel mit Messi

Nico Gaitan hat Flashscore ein exklusives Interview gegeben.
Nico Gaitan hat Flashscore ein exklusives Interview gegeben.Patrícia de Melo Moreira / AFP

Nicolas Gaitan ist mit 37 Jahren noch immer Profi-Fußballer. Der ehemalige Flügelspieler von Atletico Madrid und Benfica ist aktuell vereinslos und wartet auf den Anruf, der ihn vielleicht noch einmal die Fußballschuhe schnüren lässt. Bis dahin genießt er das Leben und spricht mit Flashscore über seine Karriere in Europa, Benficas Entwicklung und seine Zeit im argentinischen Nationalteam.

Interview mit Nicolas Gaitan
Flashscore

Siehst du dich noch als aktiven Fußballer? Trainierst du weiter und wärst du bereit, sofort bei einem Verein einzusteigen?

"Für einen Fußballer ist es sehr schwer zu sagen, dass er nicht mehr spielt. Ich habe Berichte gelesen, in denen stand, ich hätte aufgehört – und manche Leute sagen das auch zu mir. Aber diese Worte kamen nie von mir. Ich habe nie erklärt, dass ich zurückgetreten bin. Wenn im Januar ein Angebot gekommen wäre, das mich wirklich interessiert und gereizt hätte, hätte ich sofort spielen können."

Manche Spieler legen eine Pause ein und kommen schnell zurück – so wie du vor einem Jahr, als Sarmiento dich angerufen hat.

"Das hängt vom Körper ab, aber auch von der Disziplin. Damonte hat mich angerufen und mir das Gefühl gegeben, Maradona zu sein – und wenn dir jemand so etwas vermittelt, ist es schwer, Nein zu sagen. Ich bin ihm, seinem Trainerteam und Gaston, seinem Assistenten, sehr dankbar. Sie waren entscheidend.

Zuerst haben sie mir den Schritt zu Sarmiento erleichtert, und dann stand ich nach nur 15 Tagen schon gegen Argentinos Juniors auf dem Platz. Ich habe fast 80 Minuten gespielt. Am nächsten Tag ging es mir gut, ich habe mich schnell erholt."

Boca-Jahre und die Rückkehr, die nie stattfand

Warum bist du nicht zu Boca zurückgekehrt?

"Vielleicht dachten manche, ich wollte nicht zurück in den argentinischen Fußball. Aber es gab einen entscheidenden Moment. Ich war in den USA, in Chicago, und mein Vertrag lief aus. Boca hatte sich zwei- oder dreimal für mich interessiert – einmal während meiner Zeit bei Atletico Madrid und auch, als ich in China spielte. Doch aus finanziellen Gründen kam es nie zustande, weil meine Rechte einem Besitzer gehörten und ich nicht frei entscheiden konnte.

Als mein Vertrag 2019 in Chicago auslief, wollte der Verein verlängern. Ich habe mit meinem Berater Jose gesprochen und ihm gesagt, dass ich für Boca spielen möchte. Es fühlte sich wie der richtige Moment an: Ich war 30 oder 31, ablösefrei und auf dem Höhepunkt meiner Karriere.

Doch dann kam es nicht dazu. Im Dezember standen Präsidentschaftswahlen an, und ich war in fortgeschrittenen Gesprächen mit Nicolas Burdisso. Nach der Wahl sollte alles finalisiert werden. Aber Ameal gewann, Burdisso trat zurück – und ich bekam nie einen Anruf. In späteren Transferperioden gab es zwar Kontakt, aber nie ein offizielles Angebot. Es kam also nie zu echten Verhandlungen."

Wenn Ameal oder Riquelme dich angerufen hätten – wärst du zurückgekommen?

"Die Gespräche mit Burdisso führten meine Vertreter. Boca hat drei Jahre lang versucht, mich zu verpflichten. Nach den Wahlen sagte Burdisso mir, dass er zurücktritt und nun die neue Führung entscheidet. Doch in diesem Transferfenster im Dezember kam kein Anruf. Im Juni meldete man sich, aber da hatte ich bereits unterschrieben. Im darauffolgenden Jahr, als ich wieder wartete, kam nichts.

Es war immer mein Wunsch zurückzukehren. Viele wissen, dass ich Boca nie verlassen wollte. Aber 22 Millionen Euro waren ein gutes Geschäft für den Verein. Ich bereue nichts. Bei Benfica lief es für mich hervorragend. Es war eine großartige Entscheidung: ein riesiger Klub, der mich hervorragend behandelt und mir geholfen hat, als Mensch zu wachsen. Mit 22 Jahren in ein anderes Land zu gehen, lässt einen schnell erwachsen werden."

Ein Moment aus dem Interview mit Nico Gaitan
Ein Moment aus dem Interview mit Nico GaitanFlashscore

Hattest du Kontakt zu Riquelme als Funktionär?

"Es gab keine Verhandlungen, also gibt es dazu nichts zu sagen. Genauso wenig wie mit Boca habe ich mit Manchester United oder Real Madrid verhandelt. Die Leute wissen, dass ich immer zurückkehren wollte, aber manchmal klappt es nicht – vielleicht wegen des Trainers oder weil die Position bereits besetzt ist.

Ich habe es so lange versucht, wie ich konnte. Aber mit zunehmendem Alter will man sich bereit fühlen. Bei einem Klub wie Boca reichen keine 80 Prozent – man muss bei 110 Prozent sein. Sonst wird es sehr schwierig."

Hat dich das verletzt?

"Ja, natürlich. Ich wollte für Boca spielen. Aber ich verstehe, wie der Fußball funktioniert. Ich habe nichts gegen den Präsidenten, Roman – er ist das größte Idol meines Vereins. Er hat mir sehr geholfen, als ich in die erste Mannschaft kam. Ich habe großen Respekt vor ihm."

Portugal, Benfica und eine Liebesgeschichte

Gab es jemals die Möglichkeit, für Porto zu spielen?

"In Portugal gab es eine solche Situation. Mein Berater kennt die Details. Es wurde über etwas Ungewöhnliches gesprochen, aber ich konnte das nicht machen. Wenn ich eine echte Verbindung zu einem Verein spüre, kann ich nicht zum größten Rivalen wechseln – egal wie sehr ich es versuche."

Du hattest auch die Möglichkeit, zu Monterrey nach Mexiko zu wechseln.

"Das war im Dezember. Ich hätte sogar auf Leihbasis zu Boca gehen können, was ich in Betracht gezogen habe. Aber es kam nicht dazu. Atletico musste mich wegen Financial Fair Play verkaufen. Es gab einen Klub in England mit einem portugiesischen Trainer, der mich wollte, und einen großen Verein in Italien, der eine Leihe prüfte. Mexiko war damals nicht in meinem Fokus – rückblickend wäre es vielleicht eine gute Option gewesen."

Deine Reise durch Europa – wie war es, bei Benfica anzukommen?

"Ich bin 2010 aus Argentinien weggegangen. Damals gab es noch kein WhatsApp, nur BlackBerry. Als ich ankam, gab mir Benfica zwei Handys, die bereits eingerichtet waren. Kleine Details, aber enorm wichtig, wenn man in ein fremdes Land zieht. Die Struktur des Vereins war beeindruckend. Man kümmerte sich komplett um den Spieler und seine Familie – und konnte deshalb auf dem Platz alles verlangen.

An Spieltagen wurde meine Familie zu Hause abgeholt, gut platziert und nach dem Spiel wartete sie auf mich. Das kannte ich aus Argentinien nicht. Solche Details machen den Unterschied. Für mich ist Benfica ein Gigant – und der Klub wächst immer weiter."

Was bedeutet dir die Leidenschaft der portugiesischen Fans?

"Sie ist unglaublich. Fußball bestimmt dort alles. Die Menschen erkennen mich noch immer und sind dankbar, weil wir Titel gewonnen haben. Siege schaffen bleibende Erinnerungen."

Zeit bei Atletico Madrid

Wie hast du deine Zeit bei Atletico erlebt?

"Für mich war es persönlich anders. Die Aufmerksamkeit, die ich bei Benfica bekam, gab es bei Atletico nicht. Ich musste mir über Kontakte eine Wohnung suchen, statt dass der Verein das organisiert. Diese Fürsorge habe ich vermisst.

Trotzdem ist Atletico ein riesiger Klub mit unglaublich leidenschaftlichen Fans. Ich hatte das Glück, für Boca, Benfica und Atletico zu spielen – Vereine mit intensiver Anhängerschaft, die dir Energie gibt. Ich habe im Vicente Calderón und später im Metropolitano gespielt. Das Calderón hatte einen ganz besonderen Zauber."

Wo liegt der Unterschied zwischen europäischem und argentinischem Fußball?

„Der argentinische Fußball ist extrem körperbetont. In Europa ist das Spieltempo höher – vor allem die Ballzirkulation. Bevor der Kontakt kommt, ist der Ball oft schon weg. Es gibt weiterhin Physis, aber es ist taktischer, mit weniger Raum, besonders bei großen Vereinen.“

Maradona, Messi und Argentinien

Bereust du es, nie bei einer Weltmeisterschaft gespielt zu haben?

"Natürlich hätte ich das gerne erlebt. Aber die Copa América Centenario 2016 hat diesen Schmerz etwas gelindert. Es war mein erstes großes Turnier mit der Nationalmannschaft, und ich habe es sehr genossen. Argentinien hatte immer außergewöhnliche Spieler – allein auf diesem Niveau zu spielen, war etwas Besonderes."

Wie ist Lionel Messi als Mensch?

"Wenn man Teil der Mannschaft ist, ist er einfach ein Mitspieler. Man trinkt Mate, unterhält sich – ganz normal. Wir sind keine engen Freunde, aber wenn wir uns sehen, umarmen wir uns. Wir haben viele Jahre gemeinsam in der Nationalmannschaft verbracht."

Hat die Finalniederlage 2016 gegen Chile wehgetan?

"Sehr. Die Kabine war am Boden zerstört. Nach zwei verlorenen Endspielen dachten wir, diesmal wäre es endlich unser Moment."

Hat dich Messis Rücktritt überrascht?

"Ja. Er war noch jung. Aber die Emotionen waren frisch. Zum Glück ist er zurückgekommen."

Gibt es eine Anekdote über Maradona?

"Als ich ihn zum ersten Mal traf, umarmte er mich und kannte meinen Namen. Das bedeutete alles. Diego wollte immer spielen – selbst im Training. Er war einfach anders. Das sieht man auch heute noch in Videos."

Nico Gaitan privat

Was wärst du geworden, wenn du kein Fußballer geworden wärst?

"Ich habe mir nie etwas anderes vorgestellt. Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater nahm mich einmal mit zur Arbeit in der Textilbranche. Vielleicht wäre das mein Weg gewesen."

Dein größter Erfolg?

"Meine Familie. Und dass ich für Boca und Argentinien spielen durfte."

Der beste Trainer deiner Karriere?

"Jorge Jesus. Außergewöhnlich. Er hat meine Denkweise komplett verändert. Er sah Fußball klarer, präziser – brillant."

Etwas, das dir peinlich ist?

"Eigentlich nichts. Als ich jünger war, war mir der Ruhm manchmal unangenehm."

Das Beste am Fußballerleben?

"Dass man sich auf dem Platz immer wie ein Kind fühlt."

Das Schlechteste?

"Dass von einem Fußballer oft höhere Maßstäbe erwartet werden als von Politikern."

Dein bestes Tor?

"Mein erstes für Boca – ein Rechtsschuss nach einem Pass von Fabian Vargas gegen Argentinos Juniors."