Die Suche nach einem Interimstrainer zeigt deutlich, dass United auf vertraute Gesichter setzt. Bereits Darren Fletcher durfte sich kurzzeitig als Übergangslösung beweisen, doch letztlich scheint die Wahl auf Carrick zu fallen. Auch Ole Gunnar Solskjaer wurde als Kandidat gehandelt, doch Carrick verkörpert für viele Fans eine andere Art von Vereinslegende. Zwischen 2006 und 2018 absolvierte er 464 Spiele für United und gewann 18 Trophäen. Er kennt den Klub und seine "DNA" aus eigener Erfahrung.
Nach der unglücklichen Amtszeit von Ruben Amorim, die mit einer starren Dreierkette und der schlechtesten Premier-League-Siegquote eines festen United-Trainers (31,9 %) in die Vereinsgeschichte einging, verspricht Carricks Profil zumindest einen stilistischen Neuanfang. Seine Ankunft würde das Ende dieser defensiven Ausrichtung bedeuten.
Carricks Ansatz aus Middlesbrough
Während seiner fast dreijährigen Zeit bei Middlesbrough setzte Carrick überwiegend auf ein 4-2-3-1-System. In 112 von 124 Ligaspielen blieb er dieser Formation treu und änderte sie nur selten während der Spiele. Stattdessen bevorzugte er positionsgetreue Wechsel. Dieser Ansatz brachte ihm zwar Kritik wegen mangelnder Flexibilität ein, sorgte aber auch für einen klar erkennbaren Spielstil.
Sein Middlesbrough spielte offensiven, dominanten Fußball. In der Championship gehörte das Team zu den besten bei Toren, Torschüssen, Expected Goals, erfolgreichen Pässen und Ballkontakten im gegnerischen Strafraum. Auch der Ballbesitz war mit durchschnittlich 55,2 % ein zentrales Element. Ziel war es, den Gegner durch kontrollierten Ballbesitz zu zermürben.
Besonders seine erste Saison 2022/23 gilt als Beleg für Carricks Fähigkeit, eine Mannschaft schnell zu stabilisieren und neu auszurichten. Als er Ende Oktober übernahm, stand Middlesbrough auf Platz 21 und drohte in den Abstiegskampf zu geraten. Mit 13 Siegen aus 17 Spielen führte er das Team bis Februar auf Rang drei. Am Ende reichte es zu Platz vier, ehe man in den Play-offs gegen Coventry City scheiterte. Trotz dieses Misserfolgs hatte Carrick die Fans auf seine Seite gezogen.
Statistisch war diese Phase beeindruckend: Boro führte die Liga bei Toren (65) und xG (51,9) an, zeigte sowohl geduldigen Aufbau als auch schnelles Umschaltspiel und erzielte ligaweit die meisten Kontertore. Gleichzeitig übertraf das Team seinen xG-Wert deutlich, was auch dem Selbstvertrauen zugeschrieben wurde, das Carrick den Spielern vermittelte.
Kurzfristiger Effekt bei Manchester United?
In den folgenden beiden Spielzeiten ließ der Schwung nach. Middlesbrough belegte nur noch die Plätze acht und zehn. Gegner stellten sich besser auf den ballbesitzorientierten Stil ein, wichtige Spieler wurden verkauft oder verletzt, und Carricks Beharren auf seinem System wurde zunehmend zum Problem. Abgänge wie Chuba Akpom (zu Ajax) oder Emmanuel Latte Lath sowie Verletzungen – etwa von Leihspieler Ben Doak von Liverpool – schwächten das Team zusätzlich.
Für United geht es nun weniger um einen langfristigen Neuaufbau als um einen kurzfristigen Impuls. Der Klub liegt nur drei Punkte hinter Rang vier, ein kompletter Umbruch ist also nicht nötig. Carricks bisherige Laufbahn legt nahe, dass er in der Lage ist, einer leistungsschwachen Mannschaft schnell Selbstvertrauen und Struktur zu geben. Gleichzeitig wird von ihm erwartet, aus den Erfahrungen bei Middlesbrough zu lernen und mehr taktische Flexibilität zu zeigen.
