Traditionell sprudelt das Geld in England vor allem aus TV-Verträgen und Sponsoring. Da das Wachstum der Fernsehgelder jedoch stagniert, rückt das Stadiongeschäft wieder in den Fokus. Viele Klubs investieren massiv in Modernisierungen und den Ausbau der Arena, was zwar mehr Komfort verspricht, aber teuer erkauft wird. Leidtragende sind vor allem die lokalen Fans, während die Vereine gezielt auf zahlungskräftige Touristen aus aller Welt setzen.
Ein extremes Beispiel ist der FC Fulham im wohlhabenden Londoner Westen. Die neue Tribüne bietet einen Dachpool und exzellentes Catering, doch Dauerkarten zum Preis von bis zu 3.000 Pfund sprengen das Budget vieler Stammzuschauer. Simon Duke vom Fulham Supporters’ Trust kritisiert gegenüber der AFP: "Die Riverside-Tribüne ist eine fantastische Anlage, aber für den Durchschnittsfan schlicht unbezahlbar. Wir sind froh über dieses Objekt, aber die Eigentümer müssen sicherstellen, dass Fußball auf den anderen drei Tribünen bezahlbar bleibt."
Fokus auf den "Ertrag pro Fan"
Auch in Liverpool herrscht Unmut. Die Ankündigung, die Preise in den kommenden drei Jahren inflationsbedingt anzuheben, stieß bei der Fangruppe Spirit of Shankly auf Unverständnis: man wirft dem Club vor, die Menschen zu ignorieren, die den Verein erst groß gemacht haben. Zwar wurde die legendäre Anfield Road auf 61.000 Plätze erweitert, doch die Anzahl der Dauerkarten bleibt bei 34.000 gedeckelt. Das Kalkül: Die restlichen Plätze gehen oft an Tagestouristen, die deutlich mehr Geld für Fanartikel und Verpflegung ausgeben.
Der Finanzexperte Kieran Maguire bringt es auf den Punkt: "Es geht um den Ertrag pro Kopf. Ein Besucher, der für das einmalige Erlebnis kommt, ist lukrativer als der treue Fan, der seit 50 Jahren kommt und dessen einzige Alternative der Samstagsausflug zu IKEA wäre." In der Spitze kosten Hospitality-Pakete für Topspiele wie Manchester City gegen Arsenal bis zu 5.500 Pfund.
Die Organisation Fair Game warnt vor diesem Kurs. Geschäftsführer Niall Couper betont, dass Vereine ihre Sitze nicht nur als Geldquelle sehen dürfen: "Wer langfristig finanziell nachhaltig sein will, muss die Preise erschwinglich halten und tief in der lokalen Gemeinschaft verwurzelt bleiben."
Fußball als "nationale Religion"
Der Druck zeigt sich auch im Abbau von Sozialrabatten. Manchester United erhöht die Preise im dritten Jahr in Folge und kürzt gleichzeitig die Ermäßigungen für Senioren. Gemeinsam mit Liverpool-Fans protestierten United-Anhänger bereits unter dem Motto "Stop Exploiting Loyalty" ("Stoppt die Ausbeutung der Treue").
Trotz der Rekordpreise waren die Stadien der Premier League zuletzt zu fast 99 Prozent ausgelastet. Doch es zeigen sich erste Risse: Tottenham Hotspur, derzeit sportlich unter Druck, schaffte es in der Champions League nicht mehr, das Stadion komplett zu füllen. Der Tottenham Supporters’ Trust warnt: "Zu viele leere Sitze und zu viele junge Fans, die wegbleiben – wenn die Zuschauerzahlen sinken, stirbt auch die Stimmung."
Dass die Fans trotz Lebenshaltungskostenkrise weiterhin kommen, liegt an der fast spirituellen Bedeutung des Sports in England. "Fußball ist in unserer säkularen Gesellschaft zur Nationalreligion geworden", so Maguire. "Bevor man die Dauerkarte kündigt, spart man eher am Urlaub, am Restaurantbesuch oder am Pub-Abend. Die Dauerkarte hat oberste Priorität."
