EXKLUSIV: Ex-Bundesliga-Profi Abder Ramdane über Algeriens Nachwuchs und WM-Chancen

Abder Ramdane 2022 mit Olympic Charleroi
Abder Ramdane 2022 mit Olympic CharleroiVIRGINIE LEFOUR / BELGA VIA AFP

Nach seiner Profikarriere als Stürmer, die ihn von seinem Ausbildungsverein Nîmes über Le Havre bis nach Deutschland zu Hansa Rostock und dem SC Freiburg führte, hat Abder Ramdane die Trainerlaufbahn eingeschlagen. Im Jahr 2025 trainierte er den algerischen Traditionsverein RC Kouba in der zweiten Liga. Kurz vor dem Auftaktspiel der Nationalmannschaft gegen Argentinien spricht der ehemalige Angreifer im Flashscore-Interview über den Zustand der Nachwuchsarbeit in einem Land, das den Fußball atmet.

Sie haben Kouba in der zweiten algerischen Liga trainiert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Abder Ramdane: Man muss wissen: Kouba stellte 1982 das algerische Nationalteam, das damals sensationell mit 2:1 gegen Deutschland gewann – kurz vor der legendären „Schande von Gijón“ zwischen Deutschland und Österreich. Weil Algerien dadurch unverschuldet ausschied, werden die letzten Gruppenspiele bei großen Turnieren seit 1986 übrigens immer gleichzeitig ausgetragen.

Ich war davor lange nicht mehr in Algerien und die Rückkehr war hochemotional für mich. Eigentlich war ich gerade mit Olympic Charleroi in Belgien unter schwierigen Bedingungen, aber mit einer tollen Mentalität, in die zweite Liga aufgestiegen. Doch der Verein war chaotisch strukturiert, wurde drei Tage vor dem Saisonstart verkauft und ich entlassen. Das kam völlig aus dem Nichts. Nur eine Woche später rief mich ein Berater wegen Kouba an – und ich habe zugesagt.

Hat ein Traditionsverein wie Kouba denn noch eine echte Kultur der Jugendförderung?

In den 70er- und 80er-Jahren war der Klub eine absolute Kaderschmiede. Damals gab es die heutigen Großklubs noch nicht, also floss die gesamte Energie in die Jugend. Kouba war da ein echter Pionier. Als ich dort anfing, hatte ich gehofft, noch etwas von diesem alten Geist zu spüren. Aber die Realität sieht leider anders aus. Es ist extrem kompliziert.

Inwiefern?

Das rohe Talent ist absolut da – wie fast überall in Afrika. Es gibt dort außergewöhnliche Kicker, die auf jedem Untergrund zaubern können, egal ob Asche, Beton oder Rasen. Technisch sind die algerischen Spieler extrem stark und intuitiv, auch wenn sie das Spiel dadurch manchmal unnötig kompliziert machen. Aber es fällt heute schwerer als früher, echte Top-Spieler zu formen.

Das Hauptproblem ist das Umfeld und die professionelle Betreuung. Physisch bringen die Jungs alles mit, aber die Ausbildungsmethoden sind veraltet. Schauen Sie nach Senegal: Deren Akademie Génération Foot bringt jedes Jahr Top-Talente nach Europa. Algerien hätte das Geld, den Einfluss und die Infrastruktur. Aber man müsste die bestehenden Anlagen modernisieren und neue bauen. Wenn man sich Stadien wie das Nelson-Mandela-Stadion in Algier oder die Arena in Oran anschaut – das ist absolute Weltklasse!

Was genau fehlt der algerischen Nachwuchsarbeit für den nächsten Schritt?

Es braucht qualifizierte Trainer und professionelles Equipment. Der einzige Verein, der das aktuell konsequent umsetzt, ist Paradou. Ein Freund von mir ist dort sportlicher Leiter der Akademie. Er erzählt mir oft, dass dort alles von A bis Z auf die Jugend ausgerichtet ist: abgestimmte Ernährung, Krafträume, medizinische Abteilung und Top-Plätze.

Wenn diese Rahmenbedingungen stimmen, sieht man sofort, wie schnell die Spieler den Sprung nach Europa schaffen und große Karrieren hinlegen könnten. Warum das nicht mehr Klubs tun? Das weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht. Das Potenzial in Algerien ist jedenfalls riesig.

Gibt es auch organisatorische oder strukturelle Hürden im Alltag?

Ein einfaches Beispiel: Wegen der extremen Hitze kann man eigentlich nur vor 8 Uhr morgens oder nach 20 Uhr abends trainieren. Zwei Einheiten am Tag sind da schon eine logistische Herausforderung. Bei mir haben die Spieler zum Glück mitgezogen, aber ich weiß von vielen Kollegen, die daran verzweifeln. Genau hier müssen wir ansetzen: bei der Intensität und der Qualität des Trainings.

Die Jungs sind ehrgeizig und wollen weiterkommen. Die technischen und körperlichen Voraussetzungen sind da, aber es fehlt – wie in vielen afrikanischen Ländern – an der mentalen Widerstandskraft. Der Umgang mit Emotionen und dem Druck der Fans wird im Nachwuchs schlicht nicht trainiert. Da fehlen die Grundlagen.

Der berühmte Trick "Elastico" wurde durch Rivelino weltbekannt, aber die Bewegung – in Algerien „el ghoraf“ genannt – wurde eigentlich von der Kouba-Legende Salah Assad erfunden. Die technische Tradition ist also tief verwurzelt?

Auch Lakhdar Belloumi hat diesen Trick perfekt beherrscht! Als ich in den 80ern als Kind im Urlaub in Algerien war, hat das jeder auf der Straße versucht. Ich dachte mir oft: Die brechen sich gleich die Knöchel! Das Talent ist fantastisch, aber man muss es in die richtigen Bahnen lenken. In der ersten algerischen Liga wird mit unglaublichem Tempo gespielt, die Spieler sind beidfüßig, physisch stark und sprunggewaltig. Was fehlt, ist die taktische und mentale Schulung, um die Spielintelligenz zu fördern.

Viele Experten betonen, wie schwer es ist, aus einem Straßenfußballer einen taktisch disziplinierten Vereinsspieler zu machen.

Wer auf Asche oder Beton groß wird, entwickelt zwangsläufig eine herausragende Ballkontrolle. Wenn da die Annahme nicht perfekt sitzt, ist der Ball weg. Auf Rasen haben es diese Spieler später oft viel leichter. Allerdings wird heute auch in Algerien wegen der Verletzungsgefahr kaum noch wild auf der Straße gekickt.

Dafür weicht man an den Strand aus – was perfekt für Kraft, Balance und Technik ist – oder auf die unzähligen Soccer-Plätze. Dort spielen Generationen von 6 bis 60 Jahren miteinander. Das ist großartig. Aber der Schritt von dort in den professionellen Vereinsfußball gelingt zu selten, auch weil die Regeneration leidet. Algerien ist ein Land, das nachts lebt. Das verträgt sich oft nicht mit dem Profisport.

Dabei ist die demografische Basis durch die junge Bevölkerung enorm.

Ich habe letztens eine Dokumentation gesehen, die es auf den Punkt gebracht hat: Es darf einfach nicht sein, dass ein Land wie Algerien weder bei den Olympischen Spielen noch bei den U20- oder U23-Weltmeisterschaften vertreten ist.

Flashscore: Der Fußball ist unangefochten die Nummer eins. Gibt es im Land eigentlich Debatten darüber, dass so viele im Ausland geborene Doppelstaatler in der Nationalmannschaft spielen und Einheimischen den Platz wegnehmen?

Das ist ein echtes Paradoxon. Die Nationalmannschaft sorgt für eine unbeschreibliche Euphorie. Gleichzeitig fordern die Fans aber, dass mehr Spieler aus der heimischen Liga nominiert werden. Aber das ist sportlich im Moment extrem schwer zu rechtfertigen. Es gibt zwar Rückkehrer wie Ryad Boudebouz, der jetzt bei JS Kabylie spielt. Das wertet die Liga auf, aber es wäre natürlich besser, wenn man solche Spieler mit 28 statt mit 34 Jahren bekäme.

Die Fußballbegeisterung dort sprengt ohnehin jeden Rahmen, das habe ich selbst in Europa so noch nicht erlebt – selbst in der zweiten Liga nicht. Die Fans reisen ihren Klubs über tausende Kilometer hinterher, und Algerien ist riesig. Die Straßen sind voller riesiger Graffiti von Mouloudia, USM Alger oder Belouizdad. Fußball ist das Dauerthema, von morgens um acht bis Mitternacht in den Cafés. Dadurch ist auch jeder automatisch Nationaltrainer und die Kritik ist oft gnadenlos. Das ist ein generelles Problem im Maghreb und in ganz Afrika.

Führt dieser Druck zu einer hohen Fluktuation auf den Trainerbänken?

Absolut, es gibt kaum Kontinuität. Ich selbst wurde entlassen, als wir auf Platz zwei standen. In der ersten Liga kann es dir passieren, dass du als Tabellenzweiter ein wichtiges Spiel verlierst und sofort fliegst. Das ist absurd und verbaut jede Chance, nachhaltig etwas aufzubauen und Talente zu entwickeln.

Wenn man heute eine komplette Nationalmannschaft nur aus lokalen Spielern zusammenstellen müsste, könnte man das zwar in einer halben Stunde erledigen. Es gibt das Geld und auch den politischen Willen, sich international stark zu präsentieren. Algerien ist ein wunderschönes Land und hätte eine Top-Liga verdient, die regelmäßig um die afrikanische Champions League mitspielt – immerhin hat die USM Alger ja gerade erst den CAF Confederation Cup gewonnen.

Es gibt also das Potenzial, aber es fehlt der finale Funke?

Ein junger Algerier, der im Land aufbricht und sieht, dass fast nur Profis aus dem Ausland nominiert werden, ist natürlich frustriert. Das ist verständlich. Am Ende muss der Nationaltrainer zwar die besten Spieler aufstellen, aber die Spieler müssen auf dem Platz auch zerreißen wollen.

Die Hauptaufgabe liegt beim Verband und beim Sportministerium: Sie müssen die Strukturen schaffen, moderne Nachwurszentren bauen und kompetentes Personal anstellen – und wenn nötig, holt man sich dafür Experten aus dem Ausland. In Marokko ist ein Großteil der Verbandstrainer aus Frankreich, und das funktioniert hervorragend, weil die Qualität stimmt. Man muss der algerischen Jugend einfach wieder eine echte Perspektive und Hoffnung bieten.

Zum Match-Center: Argentinien vs. Algerien

FIFA WM 2026

Die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird vom 11. Juni und 19. Juli ausgetragen. Bei Flashscore findest du alle Infos zur Endrunde in in den USA, Kanada und Mexiko. 

WM Spielplan | Gruppentabellen | Deutschland bei der WM | Alle Kader der WM | Wo du die WM LIVE schauen kannst | Alle Trikots der WM 2026 | Aktuelle News zum Turnier

Die WM-Trophäe
Die WM-TrophäeEyepix/ABACA / Abaca Press / Profimedia