Kommentar zum DFB-Aus gegen Paraguay: Eine Frage der Qualität

Joshua Kimmich nach der Niederlage gegen Paraguay
Joshua Kimmich nach der Niederlage gegen ParaguayFoto von JEWEL SAMAD / AFP

Alle waren sprachlos. Fassungslos. Joshua Kimmich starrte Löcher in die Abendluft von Boston, Julian Nagelsmann saß still auf seiner Trainerbank, den Kopf gesenkt, die Hände knetend. Deutschland war gerade auf absurde Weise mit 4:5 nach Elfmeterschießen gegen Paraguay ausgeschieden. Mit dieser erneut desillusionierenden Niederlage verpasst das DFB-Team zum dritten Mal in Serie das Achtelfinale beim größten Fußballturnier der Welt. Ein Kommentar, der an der Wurzel des Unkrauts ansetzt.

"Dass man jetzt zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird, tut weh", erklärte ein trotziger sowie kämpferischer Julian Nagelsmann auf einer Pressekonferenz in Stuttgart. Deutschland war gerade gegen Spanien aus der Europameisterschaft im eigenen Land ausgeschieden. Auf maximal bittere Art und Weise. 

Trotz des "frühen" Ausscheidens war so etwas wie Euphorie nach Deutschland zurückgekehrt. Das DFB-Team hatte bis auf Passagen gegen Schottland keine Sterne vom Himmel gespielt, aber dennoch seine Aufgaben gut gemeistert. Der Einsatz und der Wille stimmten, schnell legte sich der Fokus auf eine Reaktion bei der WM 2026. Diese blieb jedoch aus.

Auf dem Weg zur WM erreichten Nagelsmann und seine Spieler zwischenzeitlich alte Höhen: Das DFB-Team stand im Final Four der Nations League und spielten eine Qualifikation mit "nur" einem krassen Ausrutscher (Niederlage gegen die Slowakei am 1. Spieltag). Zwischenzeitlich gelangen sogar elf Siege in Serie. Für die Schlagzeilen sorgten mehr die Geschehnisse neben als auf dem Platz.

Hausgemachte (Kommunikations-) Probleme

Julian Nagelsmann versuchte sich daran, diese aufkommenden Themen ("Kehrt Neuer zur WM ins deutsche Tor zurück?") abzumoderieren, wirklich glaubwürdig kamen seine Aussagen aber nicht an. Vieles entwickelte sich zu kaugummiartigen Diskussionen, weil keine finalen Aussagen getroffen wurden. Spielt Kimmich auf seiner besten Position im Mittelfeld? Oder doch wieder hinten rechts? 

Es kam letztendlich, wie es kommen musste. Manuel Neuer entschied sich für ein Comeback, Oliver Baumann wurde abgesägt. Eine Entscheidung, die aus menschlicher Sicht mehr als hart gegenüber dem Hoffenheimer Schlussmann ausfiel. 

Nagelsmann schaffte sich immer wieder Baustellen in der Kommunikation
Nagelsmann schaffte sich immer wieder Baustellen in der KommunikationFoto von ODD ANDERSEN / AFP

Fragezeichen nach der Kadernominierung

Bevor es auf die Kadernominierung und in die Weltmeisterschaftsvorbereitung ging, hatte Nagelsmann immer wieder betont, dass das Leistungsprinzip gelte und er danach seine Spieler auswählen würde. Mit externer und - wie gewohnt kritischer deutscher Brille - wurde dieses Leistungsprinzip jedoch nicht auf alle Spieler des Kaders angewendet. 

Deniz Undav kannte seine Rolle schon ein halbes Jahr vor Turnierbeginn: Dabei sein ist alles, als Joker kannst du Einfluss haben. Ein Schlag ins Gesicht für den klar formstärksten Stürmer mit deutschem Pass, den es zu diesem Zeitpunkt gab. Immerhin stand Undav auf der Liste der 26 Spieler für die USA. 

Ein Faktum, über das sich Said El Mala (geteilt zweitbester deutscher Torschütze der Bundesliga: 13 Tore und vier Vorlagen) und Jonny Burkhart (13 Tore und eine Vorlage in nur 22 Spielen) nicht freuen konnten, aber mit den Hufen scharrten.

Bekannte Gesichter statt frischem Wind

Auch Nicolo Tresoldi, von Nagelsmann namentlich erwähnt bei der Nominierung durfte trotz 19 Ligatoren und fünf Vorlagen in Belgien sowie weiteren vier Treffern und drei Assists in der Champions League nicht dabei sein. Stattdessen im Kader: Leroy Sane, der bei Galatasaray in den wichtigen Spielen außen vor war und auf nur sieben Törchen in der Süper Lig kam.

Auch ein Yann-Aurel Bisseck (der nach dem Double in Stammspielerrolle in Italiens bester Defensive nicht einmal Erwähnung in Nagelsmanns Erklärungen fand), Tom Bischof und Matthias Ginter hatten sich nach starken Spielzeiten berechtigte Hoffnungen auf einen Kaderplatz gemacht. Nach dem propagierten Leistungsprinzip waren diese Akteure über einem Antonio Rüdiger, Waldemar Anton oder Pascal Groß einzustufen.

Nagelsmann ließ sie alle außen vor und muss sich im Nachhinein en Vorwurf von Vetternwirtschaft zumindest anhören. Die Nominierung von Amiri war absolut leistungsgerecht, Nagelsmanns Monolog darüber, wie lange er seinen Schützling schon kenne, einfach nur merkwürdig. Selbiges galt für die Nominierung von Leroy Sane.

FIFA WM 2026

Die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird vom 11. Juni und 19. Juli ausgetragen. Bei Flashscore findest du alle Infos zur Endrunde in in den USA, Kanada und Mexiko. 

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Die WM-Trophäe
Die WM-TrophäeEyepix/ABACA / Abaca Press / Profimedia

Nur vier erreichen - mit Abstrichen - ihr Leistungslimit

Kommen wir zum Sportlichen: Die WM startete und die Stimmung rund um das deutsche Team war gut, nein, sie war sogar sehr gut. Nach dem 7:1 gegen Curacao war sie an einem Höhepunkt angekommen und es wurde verblendet wieder von einem Titel geträumt. Spätestens das Spiel gegen die Elfenbeinküste offenbarte jedoch zentrale Schwächen im deutschen Team. Ohne einen Florian Wirtz und einen Jamal Musiala in Topform fehlt vorne die Durchschlagskraft und die Kreativität. Ein Gegentor muss auf der anderen Seite inzwischen eingeplant werden. Der "Vorwurf" richtet sich da übrigens nicht gegen Manuel Neuer, der ein solides Turnier spielte, ohne die Chance zu haben, sich auf der Linie auszuzeichnen.

Hoffnungsträger des deutschen Teams? Deniz Undav, der in 56 Minuten fünf Scorerpunkte sammelte, gegen Ecuador im letzten (und für die Tabelle irrelevanten) Gruppenspiel gegen Ecuador aber wieder nicht starten durfte.

 Gegen Paraguay blieb er jedoch weitestgehend wirkungslos. Nathaniel Brown, der bei seinem WM-Debüt traf, die linke Seite beackerte und quasi nichts zuließ, bis Paraguay eine Misskommunikation zwischen Pavlovic und ihm gnadenlos ausnutzte. Felix Nmecha, der gegen Curacao und die Elfenbeinküste die Fäden in der Hand hielt und bei seinem ersten großen Turnier alle Erwartungen um Längen übertraf, gegen Ecuador allerdings ein Tal durchlief. Nico Schlotterbeck, der als stiller Leader die Abwehr leitete und vorne Torgefahr ausstrahlte, sich gegen die Elfenbeinküste dann aber verletzte.

In allen Belangen zu wenig

Diese Liste hört jedoch nach vier Namen auf. Alle anderen Akteure spielten im Bereich von "solide" bis "schwach". Aleksandar Pavlovic erlebte ein Turnier zum Vergessen, sodass die "Kimmich-muss-auf-die-Sechs"-Diskussion zwangsläufig wieder aufflammte. Leroy Sane hängte sich rein, mit dem Ball am Fuß wollte ihm aber - mit Ausnahme seines Treffers gegen Ecuador - wenig bis nichts gelingen. Jamal Musiala und Florian Wirtz blieben aus diversen Gründen (Position, Verletzungsnachwirkungen, Selbstvertrauen) unter ihren exorbitant hohen Möglichkeiten. Kai Havertz spielte solide, mehr aber auch nicht. 

Das Spiel gegen Ecuador wurde zum ersten Warnschuss, doch hören wollte ihn beim DFB niemand. "Das ist mir viel zu plakativ", lautete Nagelsmanns wütende Antwort auf den Vorwurf, die Ecuadorianer hätten es eben mehr gewollt. Der Wille war da, das belegen auch die Zahlen. Doch auch Zahlen können ihre Schwächen haben, augenscheinlich war zu häufig Sparflamme statt echtes Feuer im deutschen Spiel.

Die Umstände sind keine Entschuldigung

Sehenden Auges und mit zwei Spielen Vorbereitung gegen Mannschaften mit selbem Spielstil lief das DFB-Team in ein Spiel, das von Anfang an klarmachte: Hier darf man kein Gegntor kassieren, sonst wird es ganz schwer. Es kam, wie es kommen musste. Enciso brachte die Paraguayaner kurz vor der Pause in Führung, Deutschland fehlten (auch davor schon) die Mittelspielte von Anfang an robust, physisch, dreckig und häufig genug an der Grenze des Regelwerks. 

Zum Match-Center: Deutschland vs. Paraguay

Dass der Schiedsrichter mit seiner Linie das Spiel in eine Richtung lenkte, die den Südamerikanern zugute kam, ist indiskutabel, das aberkannte Tor von Jonathan Tah eine Fehlentscheidung. Dennoch, als Ausrede kann das nicht jedoch nicht herhalten. 119 weitere Minuten hatte das DFB-Team Zeit, um das Spiel zu entscheiden. 

Kai Havertz versagten vom Punkt die Nerven
Kai Havertz versagten vom Punkt die NervenFoto von ODD ANDERSEN / AFP

Indiskutabel ist auch die deutsche Leistung im Elfmeterschießen. Eine 50%ige Quote ist nicht annähernd ausreichend, um in die nächste Runde einzuziehen. Havertz schoss seinen schwächsten Elfmeter seit Langem, vielleicht sogar seiner Karriere. Woltemade fehlte die Überzeigung, Tah hatte zu viel von eben jener. Oder wie Jürgen Klinsmann sagen sollte:  "Am Ende schien es, als wären sie nicht einmal auf das Elfmeterschießen vorbereitet, was irrwitzig ist. Wir lieben Elfmeterschießen normalerweise!"

Quo vadis, DFB? 

Am Ende steht das nächste blamable Turnieraus und die Frage nach den Konsequenzen. Mal wieder hatten der DFB und auch der Bundesrainer - mit Blick auf die letzten Turnierergebnisse - hehre Ziele ausgerufen. "Wer sind wir?", fragte Jürgen Klopp in diesem Zusammenhang berechtigterweise: "Wir kommen hierhin und wollen Weltmeister werden..." Die Erwartungshaltund an das DFB-Team ist traditionell hoch, was auch gut ist. Eine Anpassung der Ziele an die vergangenen Leistungen hat trotzdem nicht stattgefunden. Zur Wahreheit gehört aber auch, dass eine solche Anpassung gesellschaftlich wohl nicht akzeptiert werden würde. Der Druck von allen Seiten ist enorm.

Dennoch stellte Julian Nagelsmann zum frühest möglichen Zeitpunkt zu seinem Traineramt klar: "Ich stehe bereit, wenn man das möchte, und wenn man mich nicht möchte, muss man mir das sagen. Ich bin keiner, der wegläuft." Zuvor hatte er auf Nachfrage noch einmal betont: "Ich möchte weitermachen, aber im Fußball hat man es nicht immer in der Hand. Wenn der DFB es möchte, dann bereite ich die Europameisterschaft vor und die Nations League."

Rudi Völler wollte sich verständlicherweise nicht in die Karten schauen lassen, sagte aber: "Ich bin immer noch davon überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, um weitermachen", betonte der 66-Jährige - ließ aber eine kleine Hintertür offen: "Ich bin nicht der DFB alleine, ich habe das nicht alleine zu entscheiden."

Julian Nagelsmann steht für den DFB weiterhin zur Verfügung
Julian Nagelsmann steht für den DFB weiterhin zur VerfügungFoto von FRANCK FIFE / AFP

Ob Rudi Völler noch so lange etwas beim DFB zu entscheiden hat, sei in diesem Kontext auch mal dahingestellt. Fakt ist, es muss und es wird Veränderungen geben. Nagelsmann hat sich nicht unbedingt für eine Weiterbeschäftigung empfohlen, Schattenmann Klopp stünde, wenn man zwischen den Zeilen liest, quasi sofort bereit. 

Dennoch: Müsste ich mich festlegen und in die Glaskugel schauen, so sitzt Julian Nagelsmann auch am 24. September in der Nations League gegen die Niederlande auf der deutschen Bank. Ob er das verdient hätte, steht auf einem anderen Blatt. 

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