DHB-Team klar im Vorteil: Sigurdsson mit Wutrede gegen EHF – "Absolute Schande"

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Sigurdsson setzte auch der Pressekonferenz vor dem Halbfinale zu einer Wutrede an
Sigurdsson setzte auch der Pressekonferenz vor dem Halbfinale zu einer Wutrede anČTK / DPA / Sina Schuldt

Als Dagur Sigurdsson vor versammelter Weltpresse zu seiner beispiellosen Abrechnung ansetzte, geriet sogar der Halbfinal-Showdown von Deutschlands Handballern gegen den kroatischen Vizeweltmeister kurz zur Nebensache. "Das ist inakzeptabel", schimpfte Kroatiens Nationaltrainer auf einer Pressekonferenz vor dem spannungsgeladenen Duell am Freitag (17.45 Uhr/ARD) mit hochrotem Kopf und bezeichnete die Rahmenbedingungen für sein Team in einem knapp dreiminütigen Monolog in Herning als "Zirkus" und "absolute Schande".

Ungefragt platzte es aus dem Isländer heraus, Bundestrainer Alfred Gislason saß nur zwei Meter rechts von ihm - und machte große Augen. "Die Planung ist nicht ideal. In diesem Punkt hat er ganz sicher Recht", gestand auch Gislason.

Zum Match-Center: Deutschland vs. Kroatien

Der Isländer setzte am Donnerstag zu einer beispiellosen Abrechnung mit der Europäischen Handballföderation (EHF) an. "Das ist die Bestätigung dafür, dass sich die EHF nicht um die Spieler, nicht um die Teams kümmert. Die sind wie ein Fast-Food-Unternehmen. Die kümmern sich nicht um die Qualität, sie verkaufen nur", motzte Sigurdsson. "Eigentlich sind sie wie eine Eventfirma. Die bestellen ein paar Künstler, machen eine schöne Show, eine nette Pressekonferenz. Es spielt keine Rolle, dass wir heute Morgen vier Stunden von Malmö hierherfahren mussten."

Ungleichgewicht im Turnierbaum

In kroatischen Medien kursierten am Donnerstag Bilder, die Spieler auf dem Gang des Mannschaftsbusses liegend während der Anreise zeigen sollen. Kroatien hatten sich wie Island, das im zweiten Halbfinale (Freitag, 20.30 Uhr) auf Dänemark trifft, nach Ende ihrer Hauptrundengruppe in Malmö am Donnerstag mit dem Bus auf den 340 Kilometer langen Weg in den Finalspielort Herning gemacht, wo die andere Hauptrundengruppe mit Deutschland und Dänemark ausgetragen worden war. Die Ankunft erfolgte laut Sigurdsson erst um 14.30 Uhr.

Hinzu kam: Während die DHB-Auswahl und die Dänen die zweite Turnierphase im Zwei-Tages-Rhythmus absolvierten, mussten die Kroaten und Isländer die letzten beiden Spieltage an aufeinanderfolgenden Tagen (Dienstag und Mittwoch) austragen, ehe anschließend noch die Anreise nach Dänemark bevorstand.

"Stecken uns wie Tiefkühlhähnchen in einen Bus"

"Jeder, der irgendetwas von Sport versteht, weiß, dass zwei Tage weniger Pause in einem Zeitraum von zwölf Tagen mit sieben Spielen verdammt viel sind. Verdammt viel. Und wir mussten zwei Spiele machen. Spiel Nummer sechs und Spiel Nummer sieben. Die mussten wir innerhalb von 22 Stunden absolvieren", sagte Sigurdsson: "Am nächsten Morgen stecken sie uns wie Tiefkühlhähnchen in einen Bus und fahren uns hierher. Und wir sind nicht einmal annähernd in der Nähe der Trainingshalle."

Sigurdsson hätte die denkwürdige Pressekonferenz in der Jyske Bank Boxen am liebsten schon mit dem Ende seines Eingangsstatements beendet. "Ich werde mich sehr freuen, wenn ich gehen kann. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wann ich gehen kann", sagte der 52-Jährige. Erst 20 Minuten später war er erlöst - und verschwand ohne Handschlag für die EHF-Offiziellen vom Podium.

Die EHF nahm die Kritik am Abend in einem Statement zur Kenntnis und kündigte an, nach der EM "die Organisation der Meisterschaft sorgfältig evaluieren und die entsprechenden Schlussfolgerungen ziehen" zu wollen. Zugleich verwies der Dachverband darauf, dass die "schwierigere Situation" für die aus Malmö anreisenden Teams sowie der Zeitplan der Medienaktivitäten weit und "rechtzeitig im Voraus" bekannt gewesen seien.

Vorteil für Deutschland?

Im deutschen Lager herrschte dagegen Verständnis für die kroatischen Beschwerden. "Wir sind im Vorteil. Was die Belastung betrifft, haben wir ein Ungleichgewicht im Turnierbaum", hatte DHB-Teammanager Benjamin Chatton schon am Mittag gesagt. Diesen "Wettbewerbsvorteil" gelte es zu nutzen. "Warum, wieso, das müssen andere beantworten. Aus sportlichen Gesichtspunkten sind 24 Stunden bei dieser Schlagzahl schon... Das ist nicht gleich."

Rein sportlich stehen alle Ampeln auf grün - besonders im deutschen Team. Im Kampf um die erste EM-Medaille seit dem legendären Triumph der Bad Boys 2016 könnte Zehn-Tore-Mann Juri Knorr erneut zum X-Faktor werden. "Ich probiere einfach, den Moment zu genießen und alles reinzuhauen in diesem Halbfinale", sagte der Spielmacher mit dem markanten Zopf. Mit einem Knorr in der Form vom Hauptrunden-Finale gegen Frankreich (38:34), dem laut Bundestrainer Gislason "besten Länderspiel" des Regisseurs, ist jetzt sogar Gold möglich.

"Es wurde ja im Vorfeld schon ein bisschen angepriesen, dass es jetzt zehn Jahre her ist. Es wäre doch schön, es zu wiederholen", sagte Jannik Kohlbacher, einer von drei verbliebenen 2016er-Europameistern im deutschen Kader. Auch Julian Köster war nach dem Einzug in die Medaillenspiele inklusive Burger-Belohnung im Teamhotel lange nicht satt. "Wir sind noch nicht fertig", sagte der Rückraumspieler am Donnerstag bei einem Medientermin in Silkeborg.

Trotzdem kein Favorit: Testpspiele "zählen gar nichts"

Im Halbfinale geht es gegen die von Sigurdsson betreuten Kroaten nun ausgerechnet gegen jenen Trainer, der Deutschland vor zehn Jahren zum bis dato letzten Titelgewinn geführt hatte. Gislason legte den Fokus aber ganz auf sein Team - und die Regeneration. Seine Spieler trainierten am Donnerstag lediglich individuell. Für das Finale werde man "nicht weniger Leistung bringen müssen" wie bei der Offensiv-Gala gegen Frankreich.

Gislason warnte davor, die Kroaten zu unterschätzen. Die beiden Siege (32:29, 33:27) unmittelbar vor der EM bezeichnete der Isländer als "Trainingsspiele, die zählen gar nichts". Er erwartet "sehr hartes Spiel in dem Sinne, dass die Mannschaft unwahrscheinlich über sich hinauswachsen kann. Die haben einen super Charakter und die werden mit einer riesigen Stimmung da reinkommen."