Steiner über seinen Erfolg in Prag: "Man braucht verschiedene Pläne"

Michael Steiner leistet in Prag höchst erfolgreiche Arbeit
Michael Steiner leistet in Prag höchst erfolgreiche ArbeitAC Sparta Praha

Im vergangenen Sommer hat Michael Steiner zum ersten Mal den Sprung ins Ausland gewagt und das Traineramt beim Frauen-Team von Sparta Prag übernommen. Der 51-jährige Salzburger leistet in der Tschechischen Republik überaus erfolgreiche Arbeit und darf vom Meistertitel träumen. Vor dem Europapokal-Spiel am Mittwoch gegen Austria Wien hat sich Flashscore mit Steiner über seinen neuen Alltag und die besonderen Herausforderungen bei Sparta unterhalten.

Die Karriere von Michael Steiner ist von Umwegen geprägt. Als junges Talent schaffte es der ehemalige Mittelfeldspieler bei Austria Salzburg in den Profi-Kader. Beim legendären Eurpoapokal-Finale 1994 gegen Inter Mailand wurde er in der Schlussphase eingewechselt. Doch wiederkehrendes Verletzungspech beendeten frühzeitig seine Träume vom großen Durchbruch.

Anschließend versuchte sich Steiner als Gastronom – ehe er mit Marc Janko ins Gespräch kam. Der einstige ÖFB-Teamspieler motivierte ihn dazu, in den Fußball zurück zu kehren und sich im Trainergeschäft zu behaupten. Nach seinen Anfängen bei Red Bull Salzburg etablierte er sich rasch als einer der führenden Nachwuchscoaches in Österreich.

Auch im Frauen-Fußball machte sich Steiner einen Namen. Im Sommer 2025 wechselte er schließlich zu Sparta Prag. Mit dem Damen-Team des tschechischen Rekordmeisters ist er bislang überaus erfolgreich, in der Liga hat seine Elf einen perfekten Saisonstart hingelegt. 

Sparta eilt von Sieg zu Sieg
Sparta eilt von Sieg zu SiegFlashscore

"Diese Challenge wollte ich unbedingt annehmen"

Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es dir persönlich in Prag? Hast du dich nach dem Wechsel schon gut eingelebt?

Es fühlt sich wie zuhause an. Ich lebe seit elf Jahren in Wien, nun bin ich seit acht Monaten hier. Die Stadt ist sehr lebenswert. Der Verein ist gut aufgestellt.

Wie gefällt dir die Stadt? Prag gilt ja als eine der schönsten Städte Europas – hattest du zwischen Trainingsplatz und Videoanalyse schon Zeit für ein bisschen Sightseeing?

Als Trainer ist man gedanklich ununterbrochen mit den Themen im Verein beschäftigt. Das heißt aber nicht, dass man immer physisch anwesend sein muss. Man muss auch schauen, dass man sich seine Freiräume schafft und die Stadt genießt. Dafür ist Prag bestens geeignet. 

Sparta Prag ist deine zweite Station im Ausland nach einem kurzen Intermezzo in Basel. Was war der ausschlaggebende Punkt, das gewohnte Umfeld in Österreich zu verlassen und diese Herausforderung in Tschechien anzunehmen?

Im Sommer habe ich die Anfrage aus Prag bekommen, weil Sparta einen Trainer wollte, der auf Englisch kommuniziert – es sind auch einige Spielerinnen aus den USA hier. Ich wollte immer schon auf Englisch coachen. Diese Challenge wollte ich unbedingt annehmen. Auch, um zu sehen, wie das für mich persönlich funktioniert. Teambesprechungen, Meetings, Coaching – das fällt mir leichter als ich geglaubt hätte.

Steiner und Maskottchen Rudy
Steiner und Maskottchen RudyAC Sparta Praha

"Aktuell ist es eine Übergangsphase"

Wie nimmst du die Infrastruktur und die Wertschätzung für den Frauenfußball bei Sparta im Vergleich zu deinen bisherigen Stationen wahr? Wo siehst du den Verein im internationalen Vergleich?

Es wird an der Infrastruktur gearbeitet, das soll in den nächsten ein bis zwei Jahren abgeschlossen werden. Aktuell ist es eine Übergangsphase. Noch ist es ein bisschen einfacher gestaltet. Wir haben drei verschiedene Standorte, an denen wir trainieren.

Die Plätze sind immer absolut in Ordnung. Der Rest wird noch speziell für den Frauenfußball entwickelt. Im internationalen Vergleich haben die absoluten Top-Klubs natürlich andere Möglichkeiten. 

Was sich zuletzt ergeben hat: Wir können in Prosek in einer angemieten Halle trainieren. Fußballfeld-Größe und überdacht – was in Prag nicht ganz uninteressant ist, es herrscht hier doch viel Niederschlag. Diesbezüglich sind wir also gut aufgestellt. 

Nur Pressing "zu einseitig. Man braucht verschiedene Pläne."

Du hast deine ersten Erfahrungen als Coach in der Akademie von Red Bull Salzburg gesammelt. Wie viel 'Red-Bull-DNA' – also dieses extrem aktive Pressing  – steckt heute in deiner Mannschaft in Prag?

Nur das aggressive Spiel gegen den Ball – das habe ich immer schon als zu einseitig empfunden. Ich habe immer versucht, eine gute Balance zu finden. Eine Spielanlage hängt immer davon ab, was das gegnerische Team macht. Man braucht verschiedene Pläne.

Wenn man immer gegen den Ball spielt – was machst du, wenn dein Gegner sich dazu entscheidet, im tiefen Block zu verteidigen und lange Bälle zu spielen? Da hat auch bei Red Bull mittlerweile ein Umdenken stattgefunden. Das Pressing funktioniert zwar, aber die Gegner haben sich darauf eingestellt. 

Steiner setzt großen Wert auf Flexibilität
Steiner setzt großen Wert auf FlexibilitätAC Sparta Praha

Taktische Flexibilität war "ein Einstellungskriterium"

Wie versuchst du, diese Balance zu erreichen?

Das hängt sehr stark davon ab, wie die Qualität deines Teams im Vergleich zum Gegner ist. Wenn wir in der Liga spielen, sehen wir uns öfter damit konfroniert, dass das andere Team tief verteidigt. Wenn wir europäisch spielen, ist es oft ein offener gestaltetes Spiel.  

Diese taktische Flexibilität war auch hier bei Sparta Prag ein Einstellungskriterium. Spielphilosophie ist immer ein sehr kompliziertes Thema. Wenn du manchmal gegen stärkere, manchmal gegen schwächere Mannschaften spielst – musst du flexibel sein. Das geht gar nicht anders.

Ich muss mich zuerst fragen: Wo kommt das Potenzial meiner Spielerinnen am besten zum Vorschein? Anhand dessen baue ich dann ein Team auf. Diese Herangehensweise ergibt am meisten Sinn. Wir hatten im Sommer gewusst, dass wir eine Stürmerin mit einem bestimmten Profil benötigen. Die hatten wir nicht, haben sie aber dann verpflichtet (Anm.: Hallie Bergford).   

Siege und Entwicklung "schließen sich nicht aus"

Dein Kader ist mit einem Schnitt von 22,6 Jahren extrem jung. Wer sind deine wichtigsten Ansprechpartnerinnen auf dem Platz?

Wir haben eine Kultur etabliert, bei der alle Spielerinnen ihre Meinung äußern können. Das ist ganz wichtig, wenn du über Leadership redest. Wir stellen sehr viele Fragen, wie eigentlich das Empfinden auf der Spielerseite ist. Da kannst du als Trainer sehr viele Informationen gewinnen, ob man alles richtig macht oder vielleicht etwas anpassen muss.

Die Fragen sind: Was passiert wirklich auf dem Platz? Wie fühlen sich die Spielerinnen damit? Das ist mir sehr wichtig, das wollen wir als Team gemeinsam lösen. 

Du hast bei den ÖFB-Frauen, in Salzburg und in Lafnitz oft mit jungen Talenten gearbeitet. Was reizt dich persönlich an der Zusammenarbeit mit jungen Spielerinnen und Spielern?

Für jeden Trainer ist es wichtig, Spiele zu gewinnen. Und für jeden Trainer ist es wichtig, Talente zu entwickeln. Das gilt auf jedem Niveau. Auch im Nachwuchs schließt das nicht einander aus. Denn das ganze Umfeld definiert sich durch Erfolge in Spielen. Das unterstützt also eine positive Entwicklung.

Steiner gilt als ausgezeichneter Entwickler von Talenten
Steiner gilt als ausgezeichneter Entwickler von TalentenAC Sparta Praha

Da würde mich interessieren: Als Trainer musst du damit rechnen, dass ein junger Spieler, wenn du ihn ins kalte Wasser schmeißt, im schlimmsten Fall spielentscheidende Fehler machen wird, die einem erfahrener Spieler vielleicht nicht passieren würden. Wie gehst du damit um?

Das ist ganz einfach! Bringe Spielerinnen und Spieler in einen Widerstand, den sie bewältigen können. Es nutzt nichts, beispielsweise einen 17-Jährigen spielen zu lassen, der auf diesem Niveau noch nicht mithalten kann. Das ist für ihn auch keine Hilfe. Wenn ihn von zehn Aktionen mehr als die Hälfte gelingt – findet eine positive Entwicklung statt. Ist das nicht der Fall, mache ich nur sein Selbstvertrauen kaputt.    

Titelrennen: Slavia "bleibt der Favorit"

Ihr seid in der tschechischen Liga zurzeit das Maß aller Dinge: 10 Spiele, 10 Siege. Hast du bereits eine Erklärung gefunden? Und wie könnt ihr Slavia im Meisterschaftstrennen weiterhin auf Distanz halten?

Slavia hat in den letzten vier Jahren immer das Double gewonnen. Sie sind definitiv der Favorit, auch wenn wir aktuell fünf Punkte Vorsprung haben. Das ist eine Momentaufnahme. Es wird noch dreimal zu direkten Duellen kommen.

Als ich im Sommer hier eingestiegen bin, war die Zielsetzung: Es wäre gut, wenn wir um die Meisterschaft mitspielen – aber wir wissen, wie schwierig es ist, mit Slavia mitzuhalten. Wir versuchen, die Lücke zu schließen. Der Meistertitel sollte immer unser Wunsch sein.

Noch dominiert Sparta die tschechische Liga
Noch dominiert Sparta die tschechische LigaFlashscore

"Emotionale Verbindung" zum FAK

Am Mittwoch spielt ihr im Viertelfinale des UEFA Women’s Europa Cup gegen Austria Wien. Als Österreicher kennst du den Gegner natürlich bestens. Ist das für dich ein Spiel wie jedes andere, oder ist es für dich eine besondere Aufgabe, gegen einen Klub aus deiner Heimat zu spielen?

Wien ist noch immer mein Lebensmittelpunkt. Yvonne Weilharter war meine Kapitänin in der U19-Nationalmannschaft. Tatjana Weiss haben wir damals als 14-Jährige in die Akademie geholt. In der Vergangenheit war es einmal Thema, dass ich Spieler oder als Trainer zur Austria komme. Das hat leider nie geklappt. 

Eine gewisse emotionale Verbindung von meiner Seite ist da. Der Klub war mir immer sympathisch. Im Frauenfußball haben sie speziell in dieser Saison gezeigt, dass sie das beste Team in der österreichischen Liga haben. Sie haben in den letzten Jahren viel investiert.

Die Austria ist ebenfalls in Top-Form. Worauf wird es am Mittwoch ankommen, um sich eine gute Ausgangslage für das Rückspiel zu verschaffen?

Das Thema wird in beiden Spielen das Momentum sein. Das ist häufig so, wenn zwei Teams mit ungefähr derselben Qualität gegeneinander spielen. Da spielen auch Glück und Zufall eine Rolle. Es wird auf einzelne Situationen ankommen. Es sind 180 Minuten zu spielen. Vielleicht auch mehr, vielleicht gibt es ein Elfmeterschießen – das werden wir dann sehen. Das Gute ist, dass beide Teams das Spiel als Möglichkeit sehen, sich weiter zu entwickeln. 

Match-Center: Sparta Prag vs. Austria Wien