Die Geschichte wurde schon häufig erzählt: Alexander Zverev spielte im Halbfinale der French Open 2022 auf Augenhöhe mit Rafael Nadal. Er stellt den Sandplatz-König höchstpersönlich, auf seinem geliebten Court Philippe-Chatrier, vor ungeahnte Probleme.
Beim Stand von 6:7, 6:6 folgte aber der große Schock: Der deutsche Hoffnungsträger knickte um, riss sich alle drei Außenbänder und musste das Spielfeld auf Krücken verlassen. Seine markerschütternden Schmerzenschreie haben sich bei vielen Tennis-Fans tief im Gedächtnis verankert.
Für Zverev war es zweifelsohne ein Erlebnis mit traumatischem Charakter. Dass er aber nur ein Jahr später auf demselben Court das Halbfinale erreicht hat – einer der vielen Beweise für seinen beispiellosen Kampfgeist.
Mentale Schwäche? Mentale Stärke!
Alexander Zverev besitzt eine mentale Stärke, die ihm in den vergangenen Jahren oft unterschlagen wurde. Tatsächlich wurde der Weltranglistendritte in der Vergangenheit von Experten wie Boris Becker und Michael Stich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, es fehle ihm die nötige Widerstandskraft, um den ersehnten Grand-Slam-Titel zu gewinnen.

Ein genauer Blick auf die Karriere des gebürtigen Hamburgers beweist das absolute Gegenteil. Bereits im Alter von vier Jahren wurde er mit Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Dass er dennoch eine Sportlerkarriere angestrebt hat, die ihn bis an die Weltspitze führen sollte, grenzt an ein Wunder – und zeugt von einer unfassbaren Disziplin.
"Andere hätten die Saison vielleicht früher abgebrochen"
Satte 24 Titel – sieben davon auf Masters-Ebene – hat Zverev im Verlauf seiner Karriere bereits gewonnen und dabei ein Preisgeld von rund 58 Millionen US-Dollar eingeheimst. 2021 krönte er sich in Tokio zum Olympiasieger – nur ein Jahr nach der bitteren Pleite im Finale der US Open gegen seinen engen Freund Dominic Thiem.
Auch die "durchwachsene" Saison 2025 wäre für fast jeden anderen Tennis-Profi ein hervorragendes Jahr gewesen. Zverev kämpfte sich in Melbourne bis ins Finale, wo er sich einem übermächtigen Jannik Sinner geschlagen geben musste.
Er sicherte sich auf souveräne Weise den Titel in München, erreichte zudem in Stuttgart und Wien das Endspiel. Die ATP Finals erreichte der 28-Jährige fast mühelos. "Andere hätten die Saison vielleicht früher abgebrochen und hätten das Jahr nicht auf Platz 3", stellte Zverev kürzlich fest.
Match-Center: Zverev vs. Diallo
"Außenseiter"-Rolle als Chance
Dass diese Erfolge medial kaum gewürdigt werden, hängt mit den enormen Erwartungen zusammen, die ihm vorwiegend in seiner Heimat entgegengebracht werden – und die von seiner Tennis-verrückten Familie früh etabliert wurden. Und Zverev verfügt zwar über eine enorme Widerstandsfähigkeit – aber lernt noch, wie er sich von fremden Ansprüchen distanzieren kann.

Passenderweise zählt Zverev bei den Australian Open 2026 lediglich zum erweiterten Favoritenkreis. So konnte sich Zverev im Schatten der medialen Öffentlichkeit auf den Grand Slam vorbereiten und gezielt an seinen Schwächen arbeiten: "Ich habe speziell trainiert, auf vom Gegner passiv geschlagene Bälle, aggressiv draufzugehen. Und außerdem habe ich am Serve-and-Volley-Spiel gearbeitet."
Der internationale Fokus gilt Carlos Alcaraz und Titelverteidiger Sinner – auf den beiden Superstars lastet ein enormer Druck. Druck, mit dem Zverev längst zu leben gelernt hat.

