Er könne nachts gut schlafen, er habe ein "reines Gewissen", beteuert der Schweizer seit Jahren. Auch vor seinem 90. Geburtstag am Dienstag kämpft der einst mächtigste Funktionär des Weltfußballs, von vielen einfach nur "Sepp" genannt, noch immer verbissen um seinen schwer beschädigten Ruf. In unzähligen Interviews versichert er dieser Tage: "Ich bereue nichts, was ich nicht gemacht habe, wie ich auch nicht bereue, was ich gemacht habe."
Doch die dunklen Wolken der Vergangenheit hängen auch heute noch über dem Mann, der dem Weltverband rund 40 Jahre "diente". So sieht Blatter es jedenfalls. Entsprechend aufbrausend wird der Schweizer aus dem Wallis, wenn er darauf blickt, was Gianni Infantino aus "seiner" FIFA gemacht hat.
Sein Nachfolger regiere als "Sonnenkönig", schimpft Blatter regelmäßig, er spricht von einer "totalen Diktatur". Aber auch Blatter hatte sich in seiner Amtszeit an die Vorzüge der Macht gewöhnt. Als gewiefter Taktiker, der nahezu unantastbar auftrat, die Einnahmen in neue Höhen trieb und großzügig verteilte, sicherte er sich Einfluss. Und er inszenierte sich als Friedensstifter, der über den Fußball hinaus wirken wollte.
1975 war Blatter über den späteren Adidas-Chef Horst Dassler zur FIFA gekommen, als treuer Verbündeter des damaligen Präsidenten João Havelange. Den Thron erklomm der langjährige Generalsekretär 1998. Schon damals sah er sich Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, etwa der damalige DFB-Chef Egidius Braun soll Blatter vorgeworfen haben, die nötigen Stimmen für den Wahlsieg gegen den UEFA-Kandidaten Lennart Johansson "gekauft" zu haben.
2015 als Anfang vom Ende der "Ära Blatter"
Auch rund um die Wiederwahl 2002 schwelten derlei Vorwürfe. Blatter, der immer wieder Ermittlungen, Skandale, aber auch den Angriff seines früheren Verbündeten Mohamed bin Hammam im Wahlkampf 2011 überstanden hatte, beteuerte stets, niemals Geld angenommen oder Stimmen gekauft zu haben.
Das "System Blatter" war allerdings nicht mehr zu halten, als am 27. Mai 2015 eine Razzia im Züricher Nobelhotel Baur au Lac den Weltfußball erschütterte. Hochrangige Funktionäre wurden hinter Bettlaken abgeführt, US-Behörden sprachen von Machenschaften, die man sonst nur von der Mafia kenne.
Die FIFA sei "ganz sicher nicht mafiös" gewesen, entgegnete Blatter, unter dessen Führung die Weltmeisterschaften an Russland und Katar vergeben worden waren, "aber es gab Leute, die in Abhängigkeitsverhältnissen standen und Geld angenommen haben". Er hatte sich kurz nach den Festnahmen zunächst im Amt bestätigen lassen, seinen Platz unter Druck dann aber doch geräumt.
Es folgten Betrugsvorwürfe, eine lange Sperre der Ethikkommission sowie der Prozess um eine dubiose Millionenzahlung aus dem Jahr 2011 an den damaligen UEFA-Chef Michel Platini. Erst vor einem Jahr war der Freispruch endgültig.
Blatter will "ehrenhaften" FIFA-Abgang
Einen Monat zuvor hatte Blatter seinen Auftritt als Zeuge im "Sommermärchen"-Prozess. Zur Aufklärung konnte er bei der Videoschalte nichts beitragen. Dies sei "die Vernehmung eines in die Jahre gekommenen Präsidenten" gewesen, kommentierte Richterin Eva-Marie Distler gnädig die wenig erhellenden Einlassungen.
Trotz gewisser gesundheitlicher Probleme gehe es ihm heute gut, er werde den Geburtstag im kleinen Kreis feiern, berichtet Blatter im Tagesanzeiger. Sein Kampf gehe auch im Alter von 90 Jahren weiter, mit einem vermutlich utopischen Wunsch. Er wolle noch "ehrenhaft" auf einem FIFA-Kongress verabschiedet werden. Dann nämlich, versprach er in der Sport Bild, "wäre die Ära Blatter bei der FIFA endgültig vorbei".
