Dabei war sich zumindest Aicher lange nicht sicher gewesen, ob es zu einer Medaille reichen würde. Sie hatte ihr Herz in die Hand genommen, ihr wilder Ritt über die Olimpia delle Tofane, auf der Lindsey Vonn schwer stürzte, war wild gewesen, etwas zu wild vielleicht. "Über jedem Sprung hat es mich aufgerissen", murrte Aicher, "ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass es sich ausgeht nach der Fahrt." Es ging sich aus - und fast hätte es sogar zu Gold gereicht.
Nur läppische 0,04 Sekunden fehlten Aicher am Ende auf Breezy Johnson aus den USA, die im Weltcup noch nie ein Rennen gewonnen hat, im vergangenen Jahr aber auch schon Gold bei der WM. Bis sie Silber als "echt geil" bezeichnen durfte, zitterte die 22 Jahre alte deutsche Hoffnungsträgerin aber gewaltig. "Ich bin eigentlich nie nervös", berichtete Aicher im ZDF, "aber so nervös wie heute war ich noch nie. Ich ging mir schon selber auf den Sack, weil ich so nervös war."
Vonn stürzt schwer
Das Zittern war am Ende unbegründet. Die drittplatzierte Sofia Goggia aus Italien, die bei Olympia 2018 zu Gold im Super-G gefahren war, lag mehr als eine halbe Sekunde hinter Aicher. Kira Weidle-Winkelmann, auf der Tofana WM-Zweite 2021 und eine Anwärterin auf eine Medaille, belegte Rang neun. "Das war nicht zu hundert Prozent optimal. Das war das ein oder andere zu viel Auf-der-Linie-Halten, das hat mir Tempo geraubt", sagte sie.
Der große Traum von Lindsey Vonn von einem zweiten Olympiagold nach 16 Jahren endete dagegen schon nach 13 Fahrsekunden. Die 41 Jahre alte Amerikanerin, die sich neun Tage zuvor einen Kreuzbandriss im linken Knie zugezogen hatte, wurde an der ersten kniffligen Welle ausgehoben, überschlug sich, lag schreiend und mit verdrehten Beinen im Schnee und musste dann mit dem Hubschrauber abtransportiert werden. Im Ziel herrschte Totenstille.
"Der Knoten ist geplatzt"
Auch Aicher war betroffen. "Ich habe gleich weggeschaut, ich hoffe, es ist nichts Schlimmes", sagte sie - ehe die ersten Glückwünsche bei ihr eintrafen. "Der Knoten ist geplatzt", sagte DOSB-Präsident Weikert zur "wahnsinnig tollen Leistung". "Sensationell", jubelte DSV-Alpinchef Andreas Ertl, "erster Wettkampf und die Emma hat gleich zugeschlagen, sie ist einfach ein Wettkampftyp." Schon am Dienstag soll Aicher in der Team-Kombination starten - mit Medaillenchancen.
Für Aicher ist es das zweite olympische Silber nach Peking 2022 mit dem Team. Auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Abfahrts-Olympiasieg von "Gold-Rosi" Mittermaier holte sie nun die erste alpine Einzel-Medaille seit Sotschi 2014. Damals gewann Maria Höfl-Riesch Gold (Kombination) und Silber (Super-G), Viktoria Rebensburg fuhr zu Bronze (Riesenslalom).
