Vor zehn Jahren erreichte Roter Stern zum letzten Mal das Viertelfinale der EuroLeague. Reformen des Wettbewerbsformats erschwerten es den Teams von der Adriaküste zunehmend, ganz oben mitzumischen; die tragenden Rollen überließen sie lange Zeit anderen. Vor dem Zerfall Jugoslawiens war das noch völlig anders: Die traditionsreiche Basketballnation sammelte Titel am Fließband. Zwar setzten auch die neu entstandenen Staaten international immer wieder Ausrufezeichen, im Vereinsbasketball gestaltete sich die Lage jedoch deutlich komplizierter.
Dennoch bleibt die Region tief vom Basketball geprägt. Was ihr fehlte, war ein dauerhaftes Aushängeschild im Rampenlicht. Diese Rolle übernimmt nun Crvena Zvezda. In dieser EuroLeague-Saison mischt das serbische Team ganz vorne mit. Das Duell am gestrigen Freitag gegen Olympiakos bietet die perfekte Gelegenheit für einen Blick auf die Basketballlandschaft des ehemaligen Jugoslawien.
Die Rückkehr an die Spitze
Als Partizan 2022 in die EuroLeague zurückkehrte, waren erstmals wieder zwei Klubs aus der Region im wichtigsten europäischen Wettbewerb vertreten. Das rückte vor allem das Belgrader Derby wieder ins Rampenlicht: ein hochintenses, teils kochendes Spektakel, das zu den absolut größten Highlights der Saison zählt.
Diese Präsenz hebt das Niveau der gesamten Region an. Zwei Klubs in der EuroLeague sowie Teams wie Cedevita Olimpija (Slowenien) und Bosna BH Telecom (Bosnien) im EuroCup treiben das Qualitätsniveau rapide nach oben. Der aktuelle Erfolg von Roter Stern kommt nicht von ungefähr. Das Team hat sich Schritt für Schritt an die Spitze gearbeitet.
Saša Dončić, Trainer des slowenischen Klubs Ilirija und bekennender Zvezda-Anhänger, setzt große Hoffnungen in seinen Herzensklub. Im Gespräch mit unserem Korrespondenten Krešimir Karačić erklärt er: "In den vergangenen Jahren war Zvezda oft nah dran, doch am Ende kam immer etwas dazwischen. Ich hoffe sehr, dass sie sich für die Play-offs qualifizieren, aber die Konkurrenz ist riesig. Das griechische Duo Olympiakos und Panathinaikos sowie Fenerbahçe sind die großen Favoriten auf das Final Four. Aber man sieht am schlechten Start von Real Madrid, wie unberechenbar die Liga ist."
In den letzten beiden Spielzeiten schied Crvena Zvezda jeweils im Play-in aus. Ein entscheidender Faktor sind die Finanzen: In der vergangenen Saison gehörten die beiden Belgrader Klubs laut BasketNews zu den zehn finanzstärksten Teams des Wettbewerbs. Dass Geld nicht alles ist, bewies jedoch Valencia, das es mit einem deutlich geringeren Budget bis ins Final Four schaffte.
Neue Blütezeit in der Nachwuchsarbeit
Die Nachwuchsausbildung auf dem Balkan genießt seit Jahrzehnten einen exzellenten Ruf und erlebt derzeit einen zweiten Frühling. Besonders in Slowenien, wo die U18- und U20-Nationalmannschaften in diesem Sommer Europameister wurden. Für Saša Dončić ist das kein Zufall: "Das ist das Resultat jahrelanger, nachhaltiger Jugendarbeit in den Klubs. Aber man muss realistisch bleiben: Wenn aus einer U-Mannschaft ein oder zwei Weltklassespieler hervorgehen, ist das bereits ein riesiger Erfolg – wie etwa Stefan Joksimović, der in der Jugend extrem dominiert hat. Entscheidend ist, dass diese Talenten früh Spielzeit bei den Senioren bekommen. Die Übergangsphase von den Junioren zu den Profis ist die schwierigste, aber Slowenien verfügt über enorm viel Potenzial."
Ähnliches gelte für den kroatischen Basketball, der nach schwierigen Jahren wieder Aufwind spürt: "Kroatiens Nationalmannschaft hatte einen Tiefpunkt erreicht. Das war gemessen an der Tradition des Landes schmerzhaft. Doch heute läuft es wieder: Die WM-Qualifikation ist greifbar nah. Kroatien hat unheimlich viele Talente; der Schlüssel liegt schlicht in der kontinuierlichen Nachwuchsarbeit der Klubs."
Der Spagat zwischen Erfolg und Nachwuchsförderung
Ganz ohne Sorgen ist die Situation jedoch nicht. Oft wiegt der finanzielle und sportliche Druck schwerer als die Geduld, junge Spieler behutsam aufzubauen. "Bei den Spitzenklubs wie Roter Stern, Partizan, Budućnost oder Olimpija bekommen junge Spieler oft zu wenig Einsatzzeit. Fans und Sponsoren verlangen sofortige Siege und Titel. Die Trainer stehen unter enormem Druck und scheuen das Risiko. In kleineren Klubs bekommen Talente mehr Raum, weil dort weniger Druck herrscht. Die Belgrader Riesen stechen hier heraus, weil sie dank ihrer Budgets eine Sonderrolle einnehmen."
Bei Roter Stern wird dieses Spannungsfeld deutlich: Die Leistungsträger der Profimannschaft sind aktuell meist Legionäre. Dennoch bleibt der Klub eine Schmiede für Weltklasse-Athleten. Spieler wie Peja Stojaković, Nemanja Bjelica oder jüngst das Ausnahmetalent Nikola Topić haben hier ihre Wurzeln.
Die Aushängeschilder der gesamten Region heißen derzeit Nikola Jokić (dreifacher NBA-MVP) und Luka Dončić.
Lukas Vater Saša schwärmt von der Leichtigkeit seines Sohnes: "Man hat das Gefühl, der Ball fühlt sich in seinen Händen einfach wohl. Seine Bewegungen sind völlig natürlich. Talent macht aber nur fünf bis zehn Prozent aus – der Rest ist harte Arbeit, Disziplin, das richtige Timing und natürlich Gesundheit. Bei Luka hat alles zusammengepasst."
Spieler wie Jokić und Dončić stehen stellvertretend für eine tief verwurzelte Basketballkultur. Sie zeigen, wie viel Substanz in dieser Region steckt. Auch im aktuellen Kader von Roter Stern spiegelt sich diese DNA wider: Spieler wie Nemanja Nedović oder Ognjen Dobrić wurden im Klub ausgebildet und bilden das Rückgrat der serbischen Nationalmannschaft, die bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris Bronzemedaillen gewann.
Serbien (WM-Finalist 2023, Olympia-Bronze 2024) und Slowenien (Europameister 2017) verkörpern das Beste, was der Balkan-Basketball zu bieten hat. Roter Stern Belgrad hat nun die Chance, sich dauerhaft in der absoluten EuroLeague-Elite zu etablieren. Die Wege in der Nachwuchsförderung mögen sich verändert haben, doch eines bleibt unumstößlich: Die Jugendarbeit ist das Fundament des Erfolgs – und der Grund dafür, dass diese Region für immer für den Basketball brennen wird.
