Das hat sich glücklicherweise geändert, die Balance zwischen Angriff und Verteidigung sucht Cramer nun als Chef eines emotionalen Fußball-Unternehmens mit 500 Millionen Euro Jahresumsatz. Und das als Nachfolger eines Mannes, der Konflikte niemals scheute: Hans-Joachim Watzke, inzwischen Vereinspräsident.
Zum Match-Center: Union Berlin vs. Borussia Dortmund
Wenn nun Uli Hoeneß frontal angreift, wenn es sportlich nicht rund läuft, was sich vor dem Spiel bei Union Berlin am Samstag (15.30 Uhr/Sky) anzudeuten scheint, muss Cramer seinen Schädel in den Wind halten. Wird der "neue Watzke" ein kerniger Boss? Bisher ist er ein Ausgleicher, ein Abwäger, ein Mann des Sowohl-als-auch.
Vom Tischtennisgeschäft bis zum BVB-Marketing
Aber: "Wie Aki Watzke stehe ich mit voller Überzeugung für Borussia Dortmund ein. Ich vertrete unsere Interessen klar und entschlossen", versichert er. Watzke habe ihm stets ein "Spielfeld" gelassen: "Ich schätze seine Verlässlichkeit, seine Geradlinigkeit und sein Vertrauen. Er ist sehr präsent, aber er hat mir immer den Raum gegeben, den ich für meine Entwicklung brauchte." Cramer erzählt witzig, spritzig, interessant - er will im Nachgang allerdings wenig davon transportiert sehen. Allein um den BVB soll es gehen.
Dabei ist es fraglich, ob sich im deutschen Fußball ein zweiter Funktionär findet, der das Geschäft in so vielen Facetten erlebt hat wie Carsten Cramer. Schon als Zivildienstleistender gründete er in Münster einen Fußball-Verein in einem sozialen Brennpunkt. Bis zum BVB-Engagement 2010 folgten unzählige Stationen - Cramer bekam den Fuß bei Preußen Münster in die Tür, er wurde Pressesprecher, Marketingleiter, Stadionsprecher, Geschäftsführer: "In Personalunion!" Er besitzt auch einen (nicht mehr gültigen) Schiedsrichterschein.
Gleichzeitig war Cramer Stadionsprecher bei Borussia Mönchengladbach, dem Verein, gegen den er in Dortmund in den 80er Jahren sein erstes Bundesligaspiel gesehen hat. Da kochte es bei einem 2:8 gegen Leverkusen auf dem Bökelberg: "Ich konnte den Regler gar nicht so leise stellen, wie ich die Tore für Leverkusen am liebsten verkündet hätte."
Eine Reise als Sinnbild für die neue Aufgabe
All diese Jobs gab Cramer 2000 auf und wechselte zum Sportrechtevermarkter Ufa (später Sportfive), er verkaufte den Stadionnamen des Hamburger SV und übernahm später das BVB-Marketing. "Mein letztes Spiel in Münster war beim Lüneburger SK", erinnert er sich, "mein erstes beim HSV das legendäre 4:4 gegen Juventus Turin in der Champions League. Ein ordentlicher Sprung."
Er folgte, als der BVB rief, für den er ein Mitentwerfer des Slogans "Echte Liebe" werden sollte: als Direktor für die Bereiche Vertrieb, Marketing und Business Development. Dies ist noch zu hören, wenn er gelegentlich in Marketingsprech-Kettensätze verfällt und sagt, er wolle den Verein bestmöglich "servicen". Interessant wird es sein, ihn zu beobachten, wenn tatsächlich die erste Krise kommt.
Derzeit befindet sich Cramer mit dem BVB auf einer kuriosen Abenteuer-Reise. Bodö, Berlin, Baku: 11.000 Flugkilometer für drei Auswärtsspiele in sieben Tagen. Da ist Sitzfleisch noch mehr gefragt als Führung, die sich Cramer als Musik-Ensemble vorstellt: Er selbst mit dem Taktstock, der ein vielschichtiges Orchester von Einzelkünstlern in Einklang bringen will. Seine Verantwortung, sagt er, sei ohnehin nur geliehen.
