Fußballer als moderne Leibeigene: Das System PSG und der drohende Kollaps

Ousmane Dembélé ist einer der Vielspieler der Saison 2025/26.
Ousmane Dembélé ist einer der Vielspieler der Saison 2025/26.Franck Fife / AFP / Profimedia

Stell dir vor, du trittst einen neuen Job an. du unterschreibst den Vertrag – und plötzlich packt dein Chef immer mehr Aufgaben drauf. Die Einsätze werden unaufhörlich ausgeweitet, die Arbeitsorte um den Globus verteilt. Nach wenigen Jahren folgt das unweigerliche Burnout: Die Gesundheit ist ruiniert, eine lange Pause erzwungen. Doch das System schert sich nicht darum, die nächsten Arbeitskräfte stehen längst Schlange.

Fußballprofis sind exzellent trainiert, aber sie sind keine Maschinen. Ein Bericht der internationalen Spielergewerkschaft FIFPro, der die vorletzte Saison inklusive der neuen Klub-Weltmeisterschaft im Sommer analysierte, zeichnet ein düsteres Bild: "Der aktuelle Spielplan nimmt keinerlei Rücksicht auf das Wohl der Spieler. Er muss sofort überdacht und reformiert werden", forderte der Verband.

Die darauffolgenden Monate gaben dieser Warnung recht. Beide Finalisten der Klub-WM – der FC Chelsea und Paris Saint-Germain – bezahlten die zusätzlichen Partien und Reisen teuer. Nach dem Turnier, das erst Mitte Juli endete, blieb schlicht keine Zeit zur Erholung. Während die FIFPro mindestens vier Wochen Urlaub und eine ebenso lange Vorbereitung empfiehlt, lag zwischen dem Finale und dem Supercup (mit PSG-Beteiligung) exakt ein einziger Monat.

Einmal um die Welt – für ein einziges Spiel

Die Quittung folgte prompt: Nach einer mörderischen Saison von 357 Tagen ohne nennenswerte Regeneration fielen die Pariser Stars reihenweise aus. Bis Anfang November beklagte PSG neun verletzte Profis, Ousmane Dembélé und Désiré Doué erwischte es sogar doppelt. Trainer Luis Enrique zeigte sich zerknirscht und bemängelte seine eigene Belastungssteuerung – doch gegen diesen gnadenlosen Kalender war auch er machtlos.

Wie extrem die Belastung ist, zeigen die nackten Zahlen der FIFPro: Son Heung-min wechselte vor der Saison in die amerikanische MLS. Bis Mai legte er beeindruckende 208.000 Kilometer zurück, überquerte 149 Zeitzonen und verbrachte umgerechnet 11,5 Tage im Flugzeug (die Sommerturniere noch gar nicht mitgerechnet). Kein Wunder, dass die Medien ab April über eine Torflaute rätselten.

Gustavo Gómez & Luka Modrić: Der paraguayische Abwehrchef von Palmeiras bestritt in einer einzigen Saison 72 Spiele – fast immer über die vollen 90 Minuten. Altmeister Luka Modrić kam im Vorjahr sogar auf 76 Einsätze. Und das mit 39 Jahren! 

Neuseeland-Stürmer Wood warnt

Zum Vergleich: Zwar kommen Profis in der NHL (Eishockey) oder NBA (Basketball) auf ähnliche Spielzahlen, allerdings stehen sie pro Partie deutlich kürzer auf dem Feld. Zudem genießen NBA-Profis eine Sommerpause von mindestens 14 garantierten Wochen – Fußballer zählen ihre freien Tage mittlerweile an einer Hand.

Die jüngste Aufstockung der Klub-WM raubte den Spielern erneut drei Wochen Regeneration. "Wer drei oder vier solcher Saisons am Stück spielt, läuft sehenden Auges in die Katastrophe", warnt Neuseeland-Stürmer Chris Wood. Wie absurd der Zeitdruck ist, zeigte der FC Salzburg: Nach der Rückkehr von der Klub-WM blieben den Österreichern gerade einmal acht Tage Pause, bevor die Vorbereitung auf die neue Saison begann.

Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei den Top-Talenten. Die FIFPro dokumentiert dies anhand der Belastung von Gewinnern des „Bravo-Preises“ (bester U21-Spieler) vor deren 18. Geburtstag. Während die vielversprechendsten Talente zwischen 2010 und 2016 in diesem Alter selten mehr als 2.000 Profiminuten in den Knochen hatten, explodieren die Zahlen seit 2020 förmlich:

FIFPro dokumentiert dies am Beispiel der Gewinner des Preises für den besten Fußballer unter 21 Jahren und deren Belastung, bevor sie 18 wurden. Während zwischen 2010 und 2016 die größten Talente in diesem Alter nicht über 2.000 absolvierte Minuten kamen, steigt die Zahl seit 2020 immer weiter an. Erling Haaland hatte vor der Volljährigkeit 2.092 Minuten, Pedri 3.811, Gavi 4.195, Jude Bellingham 6.216 und Lamine Yamal bereits 8.158. Beim Letztgenannten waren das 130 Spiele in Liga, Pokal und Nationalmannschaft. Das reichte früher fast für eine ganze Karriere.

Der Widerstand wächst. Vor Kurzem drohte der ehemalige Ballon-d'Or-Gewinner Rodri noch öffentlich mit einem Spielerstreik, sollte das Pensum weiter steigen. Nur eine Woche später riss er sich das Kreuzband und fiel fast ein Jahr aus – eine fast schon zynische Bestätigung seiner eigenen Warnung. Da die Spieler von den Verbänden nicht gehört werden, greift die Gewerkschaft nun zu rechtlichen Mitteln. Wegen der ausufernden Klub-WM wurde Beschwerde bei der Europäischen Kommission gegen die FIFA eingereicht – der Vorwurf: Missbrauch der Marktmacht.

Am Ende bleibt es eine rücksichtslose Ausbeutung der Akteure, die im Grunde keine Wahl haben, wenn sie auf Top-Niveau spielen wollen. Oder wie es Alex Phillips, Generalsekretär der Spielergewerkschaft, treffend formuliert: "Wie lange müssen wir noch zusehen, bis die Klubbesitzer erkennen, dass sie damit ihr eigenes Produkt zerstören?"

Schaut man in die Gesichter der zufriedenen Funktionäre, bleibt diese Frage vorerst rein rhetorisch.