Jürgen Klopp verpasste sich aus Respekt vor dem "großen Amt" selbst einen Maulkorb, dafür ließ Rudi Völler erste Umrisse einer neuen, besseren Nationalmannschaft der Zukunft erkennen. Joshua Kimmich jedenfalls, das machte der DFB-Sportdirektor beim Internationalen Trainer-Kongress in Mainz klar, wird eine tragende Säule bleiben.
"Jo hat es in vielen Länderspielen bewiesen, dass er ein Fahnenträger ist, ein toller Kapitän", sagte Völler, während der DFB-Spielführer mit den anderen Nationalspielern vier Wochen nach dem neuerlichen WM-Desaster beim FC Bayern wieder zum Dienst erschien: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da eine große Veränderung geben wird."
Kein Wunder, dass Kimmich in München mit einem Lächeln zu den Leistungstests vorfuhr. Der 31-Jährige, das hatte Klopp bei seiner Vorstellung als neuer Bundestrainer und Heilsbringer am vergangenen Freitag schon durchblicken lassen, spielt unter ihm wieder im Mittelfeld.
Es geht "ums nackte Ergebnis"
Und sonst? "Nach so einem großen Turnier", sagte Völler, "wird es auch ein paar Spieler geben, die von sich aus zurücktreten oder nicht mehr eingeladen werden." Die Namen Leon Goretzka und Leroy Sané wollte er nicht kommentieren. Der Großteil der Mannschaft, die bei der WM im Sechzehntelfinale an Paraguay scheiterte, werde beim Neustart unter Klopp im September aber wieder dabei sein, "das ist auch richtig so", betonte Völler.
Der Weltmeister von 1990 vertrat Klopp bei der Veranstaltung in Mainz. Der Bundestrainer hatte verzichtet, weil ihm ein Vortrag an seiner alten Wirkungsstätte "in den nächsten Tagen und Wochen um die Ohren fliegen" hätte können, wie er in einer Grußbotschaft bekannte. "Das ist ein großes Amt, dessen bin ich mir bewusst", erläuterte Klopp, und er wolle vor dem ersten Spiel nicht "noch mal Schlagzeilen liefern".
Klopp, erläuterte Völler, "merkt schon, welche Wucht dieses Amt hat. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht, ich war es ja auch vier Jahre mal: Es ist halt nicht wie bei einer Vereinsmannschaft." Sondern viel größer, wichtiger.
"Es werden alle mit Argusaugen gucken", sagte Völler über Klopps erste Schritte auf dem Weg zur EM 2028, bei der es "ums nackte Ergebnis" gehen werde, "das weiß er natürlich". Aber, versprach Völler: "Er hat schon Ideen - wird spannend, wird gut!"
"Widerstandsfähigkeit" gefordert
Aber wie wird es genau? Zunächst einmal müsse sich jeder der 57 Kandidaten auf Klopps Liste "über Leistung" empfehlen. "Du musst immer damit rechnen, dass du überprüft wirst, ob du noch dazugehören darfst oder musst", sagte Völler. Dann werde Klopp jene Stars "auswählen", die seinen Heavy-Metal-Fußball spielen "können" - andere würden "nicht aufgestellt oder nicht nominiert".
Weltklasse sei durchaus vorhanden, meinte Völler mit Blick auf Kai Havertz, Florian Wirtz und Jamal Musiala, auch Serge Gnabry werde "sicherlich noch ein Thema sein". Ansonsten gelte: "Wir müssen besser verteidigen!" Es gehe um "Widerstandsfähigkeit" und darum, wie die Topteams keinen Millimeter nachzugeben. "Es muss schwerer werden, uns zu schlagen!"
Einpeitscher Klopp soll's richten. "Wir müssen die Massen wieder begeistern", forderte Völler, "das kann er mit seiner Art. Er hat das Land ja schon angezündet. Es ist seine ganz große Stärke, neben seinem Fußballsachverstand, Menschen mitreißen zu können - auch in schwierigen Situationen" wie der jetzigen. "Er hat die Qualität, die Wucht und die Macht, auch mal Dinge auszuprobieren. Bei ihm wird man auch mal ein Auge zudrücken, wenn etwas nicht so funktioniert", glaubt Völler.
Ansonsten riet er Klopp, auf sein "Bauchgefühl" zu hören. "Ich kann dann versuchen, die Entscheidung zu verteidigen." Bei Kimmich dürfte das nicht notwendig sein.
