Kein Investorendeal - oder ein WM-Boykott! Die UEFA sucht im Machtkampf mit FIFA-Präsident Gianni Infantino über den Ausverkauf der großen Fußball-Turniere nötigenfalls die maximale Eskalation. Auf der digitalen Dringlichkeitssitzung aller 55 Nationalverbände am Donnerstag wurde ein UEFA-Boykott aller Veranstaltungen des Weltverbands für den Fall beschlossen, dass Infantino sein Vorhaben im Alleingang durchdrückt.
Damit stehen sich Europa und Infantino in der Schlacht um die Zukunft des Fußballs Stirn an Stirn gegenüber, es ist eine historische Zerreißprobe. Betroffen wäre als nächstes Turnier die Frauen-WM 2027 in Brasilien.
Knallharter Gegenwind der UEFA
Der FIFA-Chef bekommt damit enormen Gegenwind aus dem Verband, der gerade erst in Amerika sechs von acht WM-Viertelfinalisten stellte.
"Als Ergebnis der heutigen Diskussion werden keine UEFA-Nationalmannschaften an FIFA-Wettbewerben teilnehmen, solange diese Vorschläge noch im Raum stehen", teilte die Europäische Fußball-Union knallhart mit. "Es sei denn, dieser Vorschlag wird vollständig verworfen und es werden verbindliche Zusicherungen gegeben, dass die FIFA ihre Führungsstrukturen oder Wettbewerbe niemals wieder für private Eigentümer öffnen wird."
Ob Infantinos Idee damit kollabiert, bleibt vorerst offen. Die UEFA und ihre 55 Mitgliedsverbände, damit auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Weltmeister Spanien, jedenfalls "stehen geschlossen zusammen", hieß es weiter. "Wir lehnen den Vorschlag der FIFA, Eigentumsanteile an der Weltmeisterschaft und anderen FIFA-Wettbewerben auf private Investoren zu übertragen, einstimmig und unmissverständlich ab." Infantinos Vorgehen mit dem "Ultimatum" für die Mitgliedsverbände sei "eine Form der Einschüchterung – ein Akt des Zwangs, der einer Institution, der die Verantwortung für den Weltfußball anvertraut wurde, unwürdig ist".
Auch DFB-Präsident übt scharfe Kritik
Der heftigen Kritik aus vielen Richtungen hatte sich am Mittwoch auch Bernd Neuendorf angeschlossen. Es sei "ein fatales Zeichen, die Fußball-WM für Investoren zu öffnen. Der Fußball lebt von der Akzeptanz der Gesellschaft, wir dürfen ihn nicht zum Spielball von Investoren machen", sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in einem Interview mit der Sportschau und dem ZDF. Infantinos Pläne seien "überaus problematisch und nicht zustimmungsfähig".
Damit ist der große Kampf um den Fußball, wie die Fans ihn kennen, voll entbrannt. "Das Ende der Welt", schrieb die englische Sun umgehend in einer apokalyptischen Schlagzeile, die italienische Gazetta dello Sport titelte: "Die UEFA führt einen totalen Krieg gegen Infantino".
Der hatte nach dem weltweiten Aufschrei schon energisch in den Verteidigungsmodus geschaltet - er sah sich am Mittwochabend in einem fünfminütigen Video-Monolog zu einer Klarstellung seines Plans genötigt. "Es ist ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses", sagte der FIFA-Präsident: "Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung." Den massiven Widerstand vor allem aus Europa, das machte Infantino deutlich, könne er in keiner Weise nachvollziehen.
FIFA braucht 106 Befürworter
Der 56-Jährige präsentierte in aller Ausführlichkeit die Vorzüge seiner neuesten Geschäftsidee. Er verspreche sich davon die "Erschließung bisher nicht realisierter Werte". Die "kommerzielle Seite des Fußballs" zu stärken, sei "der logische nächste Schritt" in der Entwicklung, betonte Infantino. Schließlich kämen bislang zu geringe Tranchen der gestiegenen FIFA-Einnahmen an der Basis an.

"Höhere Zahlungen an die Mitgliedsverbände bedeuten höhere Investitionen in bessere Fußballplätze, stärkere Nationalmannschaften und ebnen den Weg für Jungen und Mädchen überall auf der Welt", sagte er und versprach: "Wir kümmern uns um alle." Die FIFA wolle "das nächste Kap Verde schaffen". Für seine milliardenschwere Idee begeistern will Infantino die 211 FIFA-Mitgliedsstaaten (jetzt minus 55 Europäer) bis zum 19. September. Dies ist die Deadline, bis zu der die Verbände ihre reichlich entlohnte Zustimmung geben können.
Gelockt wird mit hohen Summen, gleich mit dem Ja-Wort für die Pläne sollen 20 Millionen US-Dollar (17,46 Mio. Euro) abrufbar sein. Außerdem wird mit der Aussicht auf eine nochmals erweiterte WM geködert. Neben der Zustimmung des vorab nicht informierten FIFA-Councils, in dem auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf sitzt, braucht es zur Umsetzung des Vorhabens eine einfache Mehrheit von den Verbänden. 106 Befürworter also würden reichen.
"WM steht nicht zum Verkauf"
Dass die UEFA so hart reagiert, bringt die Pläne allerdings umgehend ins Wanken. "Die WM steht nicht zum Verkauf", teilte der Europa-Verband mit. Der Verband steht SID-Informationen zufolge voll hinter dem rigorosen Statement vom Donnerstag und UEFA-Präsident Aleksander Ceferin. Allerdings wird das Gespräch mit Infantino gesucht werden, der Boykott ist die Ultima Ratio.
AFC (Ozeanien) und CONCACAF (Nord- und Mittelamerika plus Karibik) hatten sich mehr irritiert über das Vorgehen der FIFA als über die Idee an sich gezeigt. Während sich Südamerika bedeckt hält, signalisierte Afrikas Fußballverband (CAF) als bisher einzige Dachorganisation Unterstützung. Die Mitgliedsverbände wurden aufgefordert, den Vorschlag zu prüfen und sich am Konsultationsprozess zu beteiligen.
Dies ist insofern bedeutsam, als die afrikanischen Nationen innerhalb des Weltverbandes 54 Stimmen besitzen und für die Entscheidung über das geplante Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) eine große Rolle spielen.
Die CAF sei "entschlossen, den Dialog und die Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsverbänden, der FIFA, anderen Fußballkonföderationen und Interessengruppen fortzusetzen, um die finanziellen und sonstigen Ressourcen für die Entwicklung und das Wachstum des Fußballs in Afrika und weltweit zu stärken", hieß es in dem Statement.
Dann aber kam die extrem harte UEFA-Reaktion.
