Als Paul Seixas an der berüchtigten Mur de Huy seine entscheidende Attacke setzte, dürfte Tadej Pogacar ganz genau hingesehen haben. Der französische Wunderknabe trat explosiv an, ließ die Konkurrenz offenkundig mühelos zurück und schnappte sich beim Flèche Wallonne seinen ersten großen Sieg bei einem Radklassiker.
Ein Erfolg, der eine Frage aufwarf: Ist Seixas vielleicht sogar schon bei Lüttich-Bastogne-Lüttich bereit, Pogacar zu schlagen?
Direktes Duell
Am Sonntag (ab 10 Uhr/Eurosport) kommt es zum direkten Duell. Zwischen dem Mann, der sich anschickt, der größte Radsportler der Geschichte zu werden, und seinem 19 Jahre jungen Kollegen, den viele als Pogacars designierten Nachfolger sehen. Und das auf einer der größten Bühnen des Radsports: Beim vierten der fünf Monumente, der wichtigsten Eintagesrennen, in diesem Jahr.
Seixas gibt sich respektvoll zurückhaltend. Eine "verrückte Frage" sei das, sagte er angesprochen darauf, ob er denn nun Pogacars Hauptkonkurrent sei. "Wir sprechen hier vielleicht vom besten Fahrer aller Zeiten." Dennoch ist der Hoffnungsträger aus Lyon einer von ganz wenigen Fahrern, denen überhaupt zuzutrauen ist, den slowenischen Sieger der vergangenen beiden Jahre zu entthronen.
Der formstarke Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel (Red Bull-Bora-hansgrohe) ist ein weiterer, wie auch der britische Mountainbike-Olympiasieger Tom Pidcock – die Augen der Radsportfans aber werden vor allem auf Seixas gerichtet sein.

Weil er zuletzt schon überragende Leistungen gezeigt hat - bei seinem Gesamtsieg bei der Baskenland-Rundfahrt etwa oder eben am Mittwoch beim "Wallonischen Pfeil", wo er beim finalen Anstieg sogar schneller war als Pogacar im vergangenen Jahr – und: Weil er als große Verheißung der Grande Nation gilt, die seit 41 Jahren auf einen Tour-de-France-Gewinner aus dem eigenen Land wartet.
Für Pogacar zählen nur Siege
Die knapp 260 km durch den Osten Belgiens mit elf teils fiesen Anstiegen sind die perfekte Gelegenheit dazu. Pogacar (27) jedenfalls wird seinen jungen Kontrahenten ernst nehmen. Seixas sei schließlich "ein außergewöhnlicher Fahrer", hatte er schon vergangenes Jahr gelobt – und den Franzosen als potenziellen Rivalen für die Zukunft benannt.
Kurzfristig geht es für Pogacar darum, zurückzuklettern auf den angestammten Platz ganz oben auf dem Siegerpodest. Nach seinem spektakulären Saisonstart musste er zuletzt eine seltene und selten schmerzhafte "Niederlage" hinnehmen.
Bei Paris-Roubaix, dem einzigen Monument, das ihm in seiner Sammlung fehlt, reichte es im Sprintduell mit Wout van Aert nur zu Rang zwei. Nun soll beim fünften Start in dieser Saison der vierte Sieg für ihn her.
