Alexander Zverev und Novak Djokovic steckten am Netz die Köpfe zusammen und diskutierten angeregt. Nach einer intensiven Trainingseinheit auf dem Court Philippe-Chatrier hatten sich die Tennisstars noch einiges zu sagen. Gut möglich, dass sie dabei einen Plan ausheckten, um den Alles-Gewinner Jannik Sinner zu stoppen. Bei den French Open soll in Abwesenheit von Titelverteidiger Carlos Alcaraz schließlich unbedingt der große Wurf gelingen.
Für Zverev (29) wäre es bekanntermaßen der erste Triumph bei einem der vier Grand-Slam-Turniere. Gut gelaunt war der Hamburger vor seinem Trainingsauftakt auf die Anlage geschlurft - stilsicher im "deutschen Urlauberlook" mit weißen Tennissocken und Badelatschen. Auch die Lockerheit soll ab Sonntag zum Trumpf werden, denn die Gelegenheit ist groß, da sind sich die meisten Experten einig. "Das Fehlen von Alcaraz eröffnet Chancen - und Zverev ist einer der größten Profiteure", sagte Mats Wilander, selbst dreimal Champion in Roland Garros, bei Eurosport.
Alcaraz-Verletzung lässt Sinner wegziehen
Immerhin ist der Deutsche nun die Nummer zwei der Setzliste - Sinner geht er damit bis zum möglichen Finale aus dem Weg. Und in Paris ist mit dem Finalisten von 2024 ohnehin immer zu rechnen. "Wenn man sich immer wieder in diese Position bringt, kommt irgendwann der Tag", glaubt auch Wilander.
Doch auch Zverevs Konkurrent Djokovic, der am Dienstagabend eher wie ein Kumpel wirkte, ist heiß auf das Sandplatz-Highlight. Das große Ziel: der historische 25. Major-Titel. Wie immer seit rund zwei Jahrzehnten ist der Serbe als Mitfavorit an die Seine gereist. Und das obwohl der Weltranglistenvierte am Freitag 39 Jahre alt wird, zuletzt über Schulterprobleme klagte und in der Vorbereitung nur eine einzige Partie auf Sand gespielt hat: bei der Dreisatzniederlage gegen den Qualifikanten Dino Prizmic in Rom.
"Es ist immer irgendetwas. Das ist eine Art neue Realität, mit der ich umgehen muss", haderte der angeschlagene Rekordmann danach. Dass er in Paris trotzdem an den historischen Erfolg glauben darf, hat viel mit Alcaraz zu tun. Bereits im April hatte der Spanier für Paris abgesagt, am Dienstag wurde dann bekannt, dass er aufgrund seiner hartnäckigen Handgelenksverletzung auch das Turnier in Wimbledon verpassen wird. "Meine Genesung verläuft gut und ich fühle mich schon viel besser", schrieb er, "aber leider bin ich noch nicht wieder bereit für den Wettkampf."
Sinner in exklusivem Klub
Und so bieten sich nun gleich zwei Gelegenheiten. Fehlt Alcaraz, dann scheint lediglich der Weltranglistenerste Jannik Sinner der restlichen Weltelite enteilt - und den Italiener hat Djokovic in diesem Jahr schon besiegt: Bei den Australian Open in Melbourne fügt er Sinner im Halbfinale in einem brutalen Fünfsatz-Krimi eine von insgesamt zwei Saisonniederlagen zu, ehe ihm im Endspiel gegen Alcaraz die Kraft ausging.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Sinner spielt seit dieser bitteren Pleite wie ein Außerirdischer. Zverev etwa schlug er in schöner Regelmäßigkeit klar in zwei Sätzen. In Rom feierte der Südtiroler kürzlich den sechsten Masters-Titel in Folge. Er ist nun - im Alter von nur 24 Jahren (!) - der zweite Spieler in der Geschichte, der alle 1000er-Turniere gewonnen hat.
Der erste, Novak Djokovic, der seit Olympia 2024 auf einen großen Triumph wartet, gratulierte artig. "Beeindruckend. Willkommen im exklusiven Club, Jannik", schrieb er bei Instagram. Den fünften Grand-Slam-Titel aber dürfte er Sinner nicht so leicht gönnen.
