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Heldentat im Hexenkessel: Pogacar gewinnt gefürchtete Etappe – Tour-Sieg fast fix

Aktualisiert
Pogacar fährt triumphierend über die Ziellinie
Pogacar fährt triumphierend über die ZiellinieREUTERS/Stephanie Lecocq

Tadej Pogacar hat bei der 113. Tour de France die spektakuläre 19. Etappe mit der Bergankunft im legendären Skiort Alpe d'Huez gewonnen. Somit hat der Slowene wohl die letzten Zweifel an seiner erfolgreichen Titelverteidigung ausgeräumt.

Der Gesamtführende Tadej Pogacar setzte sich am Freitag nach 128 km eindrucksvoll vor dem Franzosen Lenny Martinez und Richard Carapaz aus Ecuador durch und steht unmittelbar vor seinem fünften Tour-Sieg.

Am Samstag geht es erneut hinauf nach Alpe d'Huez, allerdings auf einer anderen Route und über eine deutlich schwerere Anfahrt. Am Abend sollte dann der Sieger der Tour feststehen, die am Sonntag in Paris endet.

Pogacar siegt in Alpe d'Huez

Pogacar flog wie entfesselt durch das Menschenmeer im ohrenbetäubend lauten Hexenkesel von Alpe d'Huez, nach einem seiner größten Siege breitete er schließlich in Triumphpose die Arme aus.

Der slowenische Superstar hat bei der Tour de France allen Schwächegerüchten getrotzt und nach einer schieren Demonstration seiner Stärke erstmals am berühmtesten Berg der Radsport-Welt triumphiert.

"Heute haben wir gewonnen, morgen ist ein anderer Tag", sagte er: "Das ist dann die Königsetappe, und wir denken einfach nur Tag für Tag." Und weil der große Solist auch ein großer Teamplayer ist, will er seinem wichtigsten Helfer am Samstag mit aufs Gesamtpodium heben. "Heute war es mein Tag", sagte Pogacar: "Und morgen schauen wir dann, dass Isaac das Weiße Trikot und Platz drei absichert."

Mit seinem fünften Etappensieg der laufenden Tour beseitigte der übermächtige Dominator fast alle Zweifel am historischen fünften Gesamtsieg. Damit würde Pogacar zu den Rekordchampions Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain aufschließen.

Vor einer sagenhaften Kulisse von einer halben Million Menschen an den legendären 21 Alpenkehren trat der 27-Jährige zwölf Kilometer vor dem Ziel an, ließ seine chancenlosen Rivalen stehen und sammelte alle Ausreißer ein.

Die letzten ließ er auf dem Schlusskilometer stehen. Im Ziel hatte Pogacar sechs Sekunden Vorsprung auf den Franzosen Lenny Martinez.

Evenepoel hat uneinholbaren Rückstand

In der Gesamtwertung führt Pogacar vor der zweiten und noch schwereren  Alpe-d'Huez-Etappe am Samstag mit 7:11 Minuten vor Remco Evenepoel.

Evenepoel scheint geschlagen
Evenepoel scheint geschlagenREUTERS/Gonzalo Fuentes

Der belgische Kapitän des deutschen Red-Bull-Teams nahm als Tagessechster den weiteren Rivalen erneut Zeit ab. Im Kampf um den Gesamtsieg ist das aber nebensächlich: Es scheint unmöglich, dass Pogacar das Gelbe Trikot ohne Unfall noch verliert.

Gesamtdritter bleibt Pogacars mexikanischer Teamkollege Isaac del Toro (+9:42), der knapp hinter Evenepoel ins Ziel kam. Frankreichs Supertalent Paul Seixas verpasste einen Coup auf der größten Bühne des Radsports und bleibt nach Platz neun Gesamtvierter (+10:06). Den Franzosen droht die nach 1926 und 1999 erst dritte Tour ohne Etappensieg.

Auf Seixas ruhen Frankreichs größte Hoffnungen
Auf Seixas ruhen Frankreichs größte HoffnungenREUTERS/Gonzalo Fuentes

Pogacar selbst steht nun bei 26 Tagessiegen - diesen einen, der ihm noch fehlte, wollte er unbedingt. "Es gibt zwei Chancen, da zu gewinnen, also will ich es probieren", hatte Pogacar, der 2022 beim Sieg des britischen Ausreißers Thomas Pidcock Fünfter geworden war, beim Start am Freitagmittag gesagt.

Um 1:24 Minuten: Pogacar pulverisiert Pantani-Rekord

Nach Erhalt der frohen Botschaft machte Pogacar einen kleinen Freudensprung. Der Slowene war schnell nach Alpe d'Huez hinaufgeflogen, sehr schnell. Doch wie schnell genau, das erfuhr der Superstar des Radsports erst nach der Siegerehrung. Dann aber wurde ihm mitgeteilt: Der Uralt-Rekord von Marco Pantani steht nicht länger – Pogacar hat ihn zertrümmert.

35:26 Minuten hatte Pogacar für die 13,8 km und die 21 Kehren des legendären Schlussanstiegs der 19. Etappe der Tour de France am Freitag benötigt. Gewaltige 1:24 Minuten weniger als Pantani dereinst im Sommer 1995. 30 Jahre lang hatten sich die besten Bergfahrer der Welt, sauber oder auch nicht, an der Marke des Piraten die Zähne ausgebissen. Ob Lance Armstrong, Jan Ullrich, Alberto Contador oder Chris Froome.

"Das hat mich sehr glücklich gemacht, als ich das gehört haben", sagte Pogacar: "Ich wusste nicht genau, wo der Rekord lag. Ich war in den vergangenen Wochen nicht so oft im Internet."

Seine neue Bestmarke bedeutet einen Temposchnitt von 23,38 km. Für Hobbyfahrer schon im Flachen ein sportlicher Speed – Pogacar bewältigte damit einen langen Anstieg mit durchschnittlich 8,7 Prozent Steigung.

Die Rekorde an den mythischen Anstiegen der Tour sind mitunter schwer vergleichbar, bedingen auch einer geeigneten Rennsituation. Pogacar fuhr am Freitag schon mit Vollgas in den Anstieg hinein und attackierte dann zwölf Kilometer vor dem Ziel final – und war damit mehr als dreieinhalb Minuten schneller als bei seinem zuvor einzigen Huez-Auftritt 2022.