Die verbrannte Hand: Der DFB und die WM-Politik – "Kein Maulkorb" für Spieler

DFB-Präsident Bernd Neuendorf und der Verband versucht sich in Nordamerika an einer Gratwanderung.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf und der Verband versucht sich in Nordamerika an einer Gratwanderung.IMAGN IMAGES via Reuters/Chuck Burton

Rudi Völler zwinkerte zum Abschied fröhlich in die Runde, wie wohl weltweit nur Rudi Völler zwinkern kann - ein gewisses Magengrummeln nahm er dann aber doch mit in den Flieger zum Eröffnungsspiel in Mexiko. Der DFB-Sportdirektor ist eben ein Mann mit feinen Antennen. "Mein Bauchgefühl", verriet er, "sagt mir, dass das nicht die letzte Geschichte sein wird."

Die "Geschichte", die Völler da benannte, das ist die immer auffälligere direkte Einmischung der US-Politik in die Fußball-WM. Das Einreiseverbot für den besten Schiedsrichter Afrikas, der Entzug der Kartenkontingente für den Iran, mit dem sich der Gastgeber im Krieg befindet. "Ich hätte mir das anders gewünscht", sagt Völler, er weiß ja, dass er immer wieder nach der Politik gefragt werden wird. Raketen, Drogenkrieg, ICE, Trump. Vor die Mannschaft allerdings will er sich dann wie ein schützender Vater werfen.

Denn gäbe es den bildhaften Begriff "gebranntes Kind" nicht schon, er müsste für die deutsche Nationalmannschaft erfunden werden. In Katar endete die Diskussion an der heißen Herdplatte in einer Mund-zu-Geste beim Mannschaftsfoto, das Team versank in einer toxischen Gülle aus dem Kommunikationsdesaster um die One-Love-Binde und sportlichem Totalversagen.

Kein "Maulkorb" für DFB-Spieler

Also, diesmal wirklich Mund zu? Die drei Affen: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen? Irgendwie schon. "Wenn wir uns verrennen", warnt Nico Schlotterbeck, "endet das wie in Katar. Und das wollen wir alle nicht."

Bernd Neuendorf hat jedenfalls sämtliche Strippen gezogen, um ein Katar II zu verhindern. "Einen Maulkorb wird es nicht geben", versichert der DFB-Präsident gütig, selbstverständlich dürfe sich jeder Nationalspieler äußern, wie er wolle. Doch zwischen den Zeilen ist eine Lupe unnötig, wenn er sagt: "Sie sind so fokussiert auf das Turnier, wollen Spiele gewinnen und die Fans begeistern - das steht bei den Spielern absolut im Mittelpunkt." Das, und keine heiße Herdplatte.

Das Feuerchen einer (selbstverschuldeten) Boykott-Diskussion haben sie beim Verband dann auch so schnell ausgetreten, dass nicht mal die Fußsohle dampfte. Er selbst, betonte Neuendorf nun nochmals, werde in Amerika gegebenenfalls die politischen Gespräche im Hintergrund führen. Chefsache! Auch Rudi Völler moderiert da gerne mit, er spricht mit all seiner Erfahrung und dem Gespür für brisante Lagen. "Glaubt mir, ich habe keine Angst vor politischen Fragen", versicherte er in der Medienrunde am Dienstag. "Natürlich bekommen wir das alles mit, aber wir werden es nicht ändern." Wenn der Ball rolle, dann "geht es sowieso nur noch um Fußball." Ja, vielleicht.

Jürgen Klinsmann hat im deutschen Fußball keine Aktien, er kann völlig frei reden. Das tut er auch. In der ARD-Dokumentation "Spielfeld der Macht" fliegt der Hobby-Pilot im Hubschrauber über seine Heimat Los Angeles und schüttelt verständnislos den Kopf. Das "erzwungene" Mund-zu-Foto, das fand er 2022 wie heute schlicht "katastrophal". Und: "Deine Aufgabe als deutsche Nationalmannschaft in Amerika ist, das Turnier zu gewinnen, und nicht, politische Botschaften zu senden." Der frühere Bundestrainer spricht zwar auch über die Befürchtung, dass die WM missbraucht wird. Aber: "Nachher fragt keiner mehr nach deiner Meinung zu gesellschaftspolitischen Themen. Da wird nur gefragt: Warum habt ihr die WM vergeigt?"

Bundestrainer konzentriert sich aufs Sportliche

So war es auch in Katar. Julian Nagelsmann hat die große Verantwortung, Ähnliches zu verhindern. In erster Linie sportlich, aber klar, auch kommunikativ. Wenn er nur einen Knopf hätte, sagt der Bundestrainer, der alle Kriege beenden und eine tolle WM garantieren könnte! Er würde ihn sofort drücken. "Den habe ich aber nicht."

Also braucht es eine Strategie. Die ist diesmal klar aufgezeichnet, als Lerneffekt der verbrannten Hand. Auch für Nagelsmann: "Als Bundestrainer ist es nicht meine Rolle, zu bewerten, was auf weltpolitischer Ebene passiert." Er hat mit dem Fußball genügend Sorgen.