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Formel 1: "Bereit für die Crunchtime" – Russell eröffnet die Psychospiele

George Russell kann den WM-Führenden Kimi Antonelli zumindest wieder "mit dem Fernglas" erkennen.
George Russell kann den WM-Führenden Kimi Antonelli zumindest wieder "mit dem Fernglas" erkennen.Křenek Jiří / Profimedia

Plötzlich war alles anders in der Formel 1, und George Russell genoss das sichtlich. Kimi Antonelli, sein junger Teamrivale, dem bislang doch alles zugeflogen war, haderte plötzlich mit sich. "Ich bin gefahren wie meine Oma", sagte der Italiener nach dem schwierigsten Grand Prix seiner Saison. Und Russell selbst? Der freute sich in Baku über das "dominanteste Wochenende meiner Karriere. Das kommt natürlich zu einem sehr guten Zeitpunkt."

Und vielleicht gerade noch rechtzeitig? Russells Sieg beim Großen Preis von Aserbaidschan war ein Statement, gerade weil Antonelli nach einem verpatzten Qualifying nicht über Rang fünf hinauskam. Noch immer sind es 66 WM-Punkte Abstand zwischen den beiden Mercedes-Stars, Russell verwies aber recht genüsslich auf das, was sich von nun an in den Köpfen der beiden Piloten abspielen könnte. "Auf jeden Fall habe ich viel weniger Druck als Kimi", sagte der Engländer, lehnte sich zurück und erfreute sich an diesem Fakt.

Denn natürlich hat Russell vorerst wenig zu verlieren, der Rückstand ist nüchtern betrachtet weiterhin zu groß für eine echte Titelchance. Acht Rennen sind noch angesetzt, wahrscheinlich sind es sogar nur noch sieben: Die abschließenden WM-Läufe in Katar (29. November) und Abu Dhabi (6. Dezember) könnten aufgrund des Irankrieges durch ein Rennen in Imola ersetzt werden.

Der WM-Führung jage er daher nicht nach, sagte Russell, "ich jage jeden einzelnen Sieg, und was dann kommt, werden wir sehen." Die Eindrücke aus Baku deuten zumindest darauf hin, dass er ab sofort wieder ein Siegfahrer ist, seinen Aufschwung erklärt er mit der erfolgreichen Anpassung an die neue Fahrzeuggeneration.

Diese passe besser zu Antonellis Fahrstil, und in der Formel 1 sei es eben schwierig, sich Ungewohntem anzupassen. "Ich vergleiche das gerne mit dem Golfsport: Wenn du da deinen Schwung ändern willst, gehst du auf den Platz und übst, übst, übst", sagte Russell: "Wir dürfen das nicht. Wir müssen am Grand-Prix-Wochenende üben, im Qualifying und im Rennen." Es habe daher eine Weile gedauert, doch nun fühle er sich "bereit für die Crunchtime", für die entscheidende Phase der Saison.

Fängt bei Antonelli das Zittern an?

Und Antonelli? Der schien in Baku wirklich mit sich zu hadern. "Es war mein mit Abstand schwächstes Wochenende des Jahres, ich war einfach nicht präsent", sagte der 20-Jährige, "ich bin immer einen Schritt hinterhergelaufen."

Bis zum kommenden Rennen in Malaysia (Sonntag, 9.00 Uhr MESZ/Sky) wird die Formel 1 nun von der entscheidenden Frage begleitet: War es ein einmaliger Ausrutscher Antonellis, oder spürt der junge Mann nun doch die Last der Titelchance?

Wie unterschiedlich sich dieses eine Rennwochenende werten lässt, zeigt ein Blick in die Heimatblätter der beiden Hauptdarsteller. Der englische Guardian hatte "genau die Injektion" gesehen, die Russells Saison brauchte. Für die Gazzetta dello Sport dagegen standen nach Antonellis vorsichtiger Aufholjagd von Startplatz 16 am Ende "goldene Punkte für Kimi". Und der Corriere della Sera stellte fest: "Weltmeisterschaften gewinnt man auch mit Kalkül."

In genau einer Woche kann übrigens schon wieder alles anders sein in der Formel 1. Gewinnt Antonelli in Malaysia, dann sind die Diskussionen wohl schnell beendet. Doch muss er sich Russell erneut geschlagen geben, dann wird es ein interessanter Herbst.

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