Harold Kreis im Interview vor der Eishockey-WM 2026: Tugenden "ein bisschen eingestaubt"

Möchte bei der WM mit seinem Team in die Erfolgsspur zurückkehren: Harold Kreis.
Möchte bei der WM mit seinem Team in die Erfolgsspur zurückkehren: Harold Kreis.Foto von PETER KNEFFEL / DPA / DPA PICTURE-ALLIANCE VIA AFP

Harold Kreis geht in seine vierte WM als Eishockey-Bundestrainer. Nach dem Silbercoup zum Debüt gab es mit dem Vorrunden-Aus im vergangenen Jahr und der Olympia-Enttäuschung Rückschläge. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) spricht der 67-Jährige über die Lehren von Mailand, das WM-Team und seine Situation.

SID: Nach einer langen Saison mit Olympia ist die WM-Kaderplanung oft schwierig. Haben Sie mit so vielen Absagen gerechnet?

Harold Kreis: "Es liegt ja nicht in unserer Hand. Viele haben wegen Verletzungen abgesagt. Dass es dieses Jahr etwas mehr sind als im Vorjahr, nehmen wir zur Kenntnis. Aber wir haben eine gute Truppe."

Die Mannschaft sieht ganz anders aus als noch bei Olympia. Gibt es auch eine andere Herangehensweise? Steht das Team wieder mehr im Mittelpunkt?

"Jede Situation ist anders, jede Mannschaft ist anders. Es gibt Vorgehensweisen, die die NHL-Spieler gewohnt sind, die sie auch schweigend einfordern - ohne den Rest der Mannschaft geringer wertzuschätzen. Bei Olympia haben die NHL-Spieler mehr Eiszeit bekommen, die sie auch aus den Vereinen gewohnt sind. Der ein oder andere hat noch mehr Eiszeit bekommen, weil er gut und effizient gespielt hat. Das wird jetzt natürlich anders sein. Die Verantwortung, die Aufgaben werden sicher auf mehrere Schultern verteilt."

Trotz Platz sechs war die Enttäuschung nach Olympia relativ groß. Welche Schlüsse haben Sie aus dem Turnier gezogen?

"Wir haben das Viertelfinale erreicht und sind Sechster geworden. Dass große Enttäuschung herrscht, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar."

Harold Kreis mit seiner Mannschaft
Harold Kreis mit seiner MannschaftFoto von CLAUS FISKER / RITZAU SCANPIX / AFP

"Gute Vorstellung, was unsere Identität ist"

Im Nachhinein ist viel über eine fehlende Identität der Mannschaft gesprochen worden. Welche Gründe gab es dafür?

"Wir haben uns nach Olympia länger zusammen gesetzt, Christian Künast (DEB-Sportvorstand/d.Red.) und ich, und uns gefragt: Was haben wir gut gemacht? Was können wir besser machen? Die Liste der Dinge, die wir hätten besser machen können, war etwas länger. Es ist ja nicht so, dass die Mannschaft keine Identität hat, aber sie ist vielleicht ein wenig in den Hintergrund geraten. Das hat man jetzt wieder in den Vordergrund gebracht. Aber das kann nicht 'top down' durch uns geschehen. Christian hat die Spieler ab Woche eins der Vorbereitung eingebunden, um ihre Identität selbst zu definieren. Das haben sie sehr gut gemacht, auch im Austausch miteinander. Deshalb haben wir jetzt eine ziemlich gute Vorstellung, was unsere Identität ist."

Hat es auch damit zu tun, dass man jetzt nicht die Stars hat, auf die man, vielleicht auch unbewusst, die Verantwortung abschiebt?

"Das hat nichts mit den Spielern zu tun, sondern mit dem Turnierformat und der Vorbereitung. Bei Olympia sind die NHL-Spieler direkt zum Start angereist. Jetzt hatten wir eine viel längere Vorbereitungsphase, um uns kennenzulernen und das System zu implementieren. Da wächst etwas ganz anderes zusammen."

Gibt es Dinge, die Sie im Nachhinein anders machen würden als in Mailand?

"Die gibt es immer. Du lernst, indem du nach hinten schaust, und musst das Leben vorwärts leben. Wir gehen mit bestem Wissen und Gewissen die Dinge an und stellen im Anschluss fest, man hätte es punktuell besser machen können. Das haben wir mitgenommen und das greift."

"Habe das Gefühl, dass die Spieler sie leben!"

Der langjährige Kapitän Moritz Müller hat gesagt, dass ein Teil der Mannschaft auf bestimmte Spieler geschaut habe, die dann meinten, es alleine richten zu müssen. Haben Sie das auch so erlebt?

"Nein."

Welche Identität wollen Sie denn sehen?

"Die Mannschaft hat jetzt für sich diese Identität artikuliert, wir haben sie nicht vorgegeben. Unsere Tugenden sind Leidenschaft, Kampfgeist, Zusammenhalt - die sind ja nicht verloren gegangen, sie waren vielleicht ein bisschen eingestaubt, weil man sie nicht immer wieder in Erinnerung gerufen hat. Ich habe das Gefühl, dass die Spieler sie jetzt auch leben, es sind nicht nur beliebige Begriffe."

Hat man bei Olympia zu oft spielerische Lösungen gesucht, zu kompliziert gespielt?

"Das hängt immer mit der Besetzung der Mannschaft zusammen. Wenn du Spieler mit anderen Fähigkeiten hast, wie Leon Draisaitl, Tim Stützle oder JJ Peterka, kannst du sie nicht mit taktischen Zwängen einschränken. Warum sollte man das machen? Die Mannschaft ist jetzt völlig anders besetzt als in Mailand. Das ist ein Grund zu sagen: Wir müssen spielerische Anpassungen machen - je nach Besetzung. Auch das ist ein Teil unserer Identität."

Im letzten Jahr haben Sie das WM-Viertelfinale verpasst, bei Olympia waren viele enttäuscht. Ist die Tendenz fallend? Oder ist es der Fluch der guten Tat, dass Sie mit WM-Silber ins Amt gestartet sind?

"Soll ich jetzt bestätigen, dass die Mannschaft unter mir immer schlechter wird?" (lacht)

"Ich mache das schon lang genug"

Wie schätzen Sie die Entwicklung denn ein?

"2023 haben wir nach drei Niederlagen zum WM-Auftakt wichtige Siege geholt, in der Endrunde hatten wir dann neben unseren Leistungen auch das Glück auf unserer Seite. Ein Jahr später verlieren wir gegen die Schweizer knapp im Viertelfinale, die bis ins Finale gehen. Letztes Jahr wachsen die Dänen über sich hinaus, wir verlieren im Penaltyschießen. Rein am Ergebnis gemessen, haben wir seit 2023 vielleicht nicht den Fortschritt gemacht, den sich einige vorgestellt haben. Aber wir sind Jahr für Jahr eine Mannschaft, die in die WM hineingeht, um erstmal das Viertelfinale zu erreichen und dann zu sagen: Jetzt gehen wir aufs Ganze. Das hat sich überhaupt nicht verändert."

Spüren Sie selbst größeren Druck?

"Nein."

Sie sind lange im Geschäft, sie haben ähnliche Situationen schon erlebt.

"Es ist Teil des Geschäfts: die Ergebnisse, wie tritt die Mannschaft auf, leben wir unsere Werte und Identität? Nach dem Turnier wird das dann diskutiert und entschieden, aber das beeinträchtigt mich jetzt nicht in meiner Arbeit, das belastet mich nicht heute. Ich mache das schon lang genug."

Wann wäre die WM eine gute WM?

"Wenn ich das Gefühl habe, das Potenzial aus der Mannschaft herausgeholt zu haben. Wenn der Tank leer ist."